Zeit verlieren, um Zeit zu gewinnen – eine erzieherische Gratwanderung.

Wir können unsere Kinder umkreisen wie ein Hubschrauber und ihnen alles und jedes Problem abnehmen. Oder wir hängen ihnen einen Schlüssel um den Hals, und vertrauen auf ihre eigene Selbständigkeit. Zwei Extreme – wie halten Sie es? In den USA gibt es eine Weisheit zum Thema Kindererziehung, die sagt: «Wir sollten uns weniger bemühen, den Weg für unsere Kinder vorzubereiten, als unsere Kinder für den Weg.»

Ein Tag mit Kind kann wie folgt aussehen:

 

Helikopter-Eltern und ihre Kinder

Morgens: Frühstück machen. Das Kind auffordern etwas zu essen und seine Milch zu trinken, damit es Kraft für die Schule hat. Währenddessen nochmals die Englischwörter abfragen. Erinnern, dass heute Schwimmen auf seinem Stundenplan steht, und deshalb noch schnell die Badesachen des Kindes packen. Die Zeit fliegt, das Kind trödelt: Deshalb bindet schnell die Mama dem Kind die Schuhe. Selbstverständlich wird mit dem Auto direkt vors Schultor gefahren.

Nachmittags: Kita- oder Hortbesuch. Der Weg dorthin ist kurz, denn er liegt in unmittelbarer Nähe zum Schulhaus. Das Kind muss kaum 200 Meter alleine gehen. Das Personal sorgt für Verpflegung, Bespassung, und regelt Streitereien zwischen den Kindern. Später wird das Kind abgeholt, und nach Hause gefahren. Alternativ ins Fussballtraining, in den Klavierunterricht, oder zum Spielen zu einem Freund.

Abends: Schulaufgaben machen. Mama oder Papa leiten an, fragen ab, kontrollieren. Im Notfall  recherchieren sie im Internet auch selbst. (Wer besucht hier eigentlich die Schule?) Abendessen steht fertig auf dem Tisch, Kind muss sich nur hinsetzen. Auch das Aufräumen und den Abwasch erledigt die Mama alleine. Das Kind muss sich schliesslich erholen, um Energie für den nächsten Tag zu tanken. Kind chattet derweil auf Snap-Chat, spielt mit dem Handy, oder sieht fern. «Hast Du die Zähne geputzt, alles gepackt für die Schule?», letzte obligate Frage vor dem Lichterlöschen.

Und wann lernt das Kind selbständig zu werden?

Wenn die Eltern den Nachwuchs wie ein Hubschrauber dauernd umkreisen, die Kinder überallhin begleiten, das Kind einem straffen Wochenplan unterziehen und ihm damit jede Chance auf Eigenerfahrung und Selbstverantwortung nehmen, reden viele Erzieher von «Helikoptereltern». Man spricht auch von überbehüteten Kindern. Pädagogen haben herausgefunden, dass das für die gesunde Entwicklung des Kindes genauso problematisch sein kann, wie die Vernachlässigung.¹)

 

Schlüsselkinder – das Kontrastprogramm

Sagt Ihnen der Begriff «Schlüsselkind» noch etwas? Unter dem Begriff Schlüsselkind bezeichnete man in den 60-/70er-Jahren ein Kind, das nach der Schule alleine nach Hause geht, weil beide Eltern arbeiten und keine Kita, Hort oder sonstige Betreuungsmöglichkeit vorhanden ist. Die Kinder trugen damals oft tatsächlich den Wohnungsschlüssel an einer Schnur rund um den Hals.

Der Begriff wurde 1956 vom Münchner Pädagogen und Psychologen Otto Speck geprägt. Das Wort «Schlüsselkind» war vorwiegend in Westdeutschland und der Schweiz «en vogue», in den Medien viel diskutiert, und zwar meist mit negativer Konnotation. Denn solche Kinder sind zu früh, für zu viele Stunden, ganz auf sich alleine gestellt. Kein Wunder, dass sie mit den ihnen zugemuteten Aufgaben oftmals komplett überfordert sind: Ein Achtjähriger, der selbständig kocht und alleine Mittag isst, sich nachmittags alleine «unterhält», die Hausaufgaben erledigt, und manchmal gar die Verrichtung von Hausarbeit aus Mitleid mit der Mutter oder lauter Langeweile auf sich nimmt (Küche aufräumen, Wäsche aufhängen, etc.). Vernachlässigung und seelische Unterversorgung sind die logische Konsequenz.

Natürlich ist dieses Szenario heute noch anzutreffen, jedoch glücklicherweise seltener, nachdem das Angebot nachschulischer Betreuung deutlich verbessert wurde.

 

Die Gratwanderung in uns selbst 

Die Frage ist nun: Wo liegt das gesunde Mittelmass zwischen Über- und Unterversorgung des Kindes? Und wie bringe ich dem Kind bei ein selbständiger und eigenverantwortlicher Mensch zu werden, ohne es zu überfordern, oder, alternativ, es zu sehr und zu lange zu be-„muttern“?

Meine Kinder haben Schulen in drei verschiedenen Ländern besucht. Jede einzelne dieser Schulen hat für sich reklamiert, den Kindern Selbständigkeit beizubringen. Trotzdem muss ich feststellen: Es funktioniert nur dann, wenn die Eltern die Haupterziehungsarbeit leisten – eine Erkenntnis, die niemanden sehr erstaunen sollte. Trotzdem ist diese Gratwanderung nicht einfach: «Selbstverantwortung übertragen und die Konsequenzen aushalten können» versus «Aufgaben dem Kind abnehmen und selber machen, weil es schneller und einfacher ist».

Es ist für mich als Mutter ja oft weniger mühsam, die Spielsachen selbst wegzuräumen, als darauf zu warten bis es das Kind schliesslich erledigt hat. Beziehungsweise sich logische Konsequenzen einfallen lassen UND DURCHSETZEN, wenn das Kind meiner Aufforderung Aufzuräumen nicht nachkommt. Letzteres frei nach Rudolf Dreikurs, dem Erziehungsguru, der in seinem Bestseller „Kinder fordern uns heraus“ wunderschön und anhand von vielen Beispielen beschreibt, wie es gelingen kann, die altersgerechte Verantwortung beim Kind zu belassen.²)

Auch die kurze Autofahrt, um den Sohn vom Fussballtraining nach Hause zu holen, ist oft leichter zu ertragen als die Ungewissheit und das Warten, bis der Sohnemann endlich alleine vom Training nach Hause spaziert ist. Dass es dem Sohn viel Spass macht mit seinen Freunden auf dem Nachhauseweg einen Stopp am Kiosk einzulegen, um die neusten Panini-Bilder zu kaufen und tauschen, fällt dabei hinten runter. Und damit ein Teil seiner Autonomie.

Man könnte deshalb auch sagen, dass die „Erziehungs“-arbeit erstmal bei uns selbst beginnt, zum Beispiel mit der Frage: Wie viel Ungewissheit (wo mein Kind gerade steckt und was es tut) halte ich überhaupt aus? Oder mit der Frage: Wie viel Zeit nehme ich mir, um dem Kind tatsächlich Selbständigkeit beizubringen (z.B. Anleiten wie man seine Hausaufgaben alleine erledigt)? Oder auch: Wie viel Geduld und Lust habe ich, angekündigte Konsequenzen umzusetzen, wenn sich mein Kind nicht an Vereinbarungen hält (z.B. dem Teenager das Handy wegzunehmen, obwohl das erstmal schlechte Laune und Widerstand erzeugt)?

 

Sechs Kinder und keine Theorie

Die Welt ist nicht perfekt, aber wir haben zumindest mehr Kinderbetreuungsangebote als früher, und deshalb weniger Schlüsselkinder. Das bedeutet jedoch nicht, dass wir die Kinder mit unserer überbordenden Fürsorge und einer gewissen Bequemlichkeit zur Unselbständigkeit erziehen sollen.

Ein englischer Dichter John Earl of Wilmot Rochester aus dem 17. Jahrhundert soll mal gesagt haben: «Bevor ich heiratete, hatte ich sechs Theorien über Kindererziehung. Jetzt habe ich sechs Kinder und keine Theorie.»

Es müssen keine sechs Kinder sein, es genügen ja schon zwei oder nur eines. Was dieser englische Earl wohl meinte ist: Theorie ist und bleibt Theorie. Kinder sind Arbeit. Erziehung ist Arbeit. Vieles ist leichter gesagt, als getan. Das richtige Mass zwischen Erziehung zur Selbständigkeit und Fürsorge zu finden, ist nicht immer einfach. Am Ende kommt es auf meine reale Umsetzung an. Auch ich finde Kindererziehung manchmal anstrengend, und dass es Zeit und Nerven kostet. Ich stelle aber fest, dass es sich immer lohnt, sich diese Zeit zu nehmen. Schon Jean-Jacques Rousseau wusste : Um Kinder zu erziehen, muss man verstehen, Zeit zu verlieren, um Zeit zu gewinnen.

 

Zum Nachlesen:

¹)  familien-magazin.com: Überbehütete Kindheit – Wenn Eltern klammern

²Buchtipp: Kinder fordern uns heraus Rudolf Dreikurs, Vicky Soltz, Erik A. Blumenthal

Und hier bleibt einem das Lachen buchstäblich im Hals stecken: Sprüche von Helikopter-Eltern auf Spiegel Online 

 

(Bild: KokomoCole – pixabay)

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