Wie eine geschäftsreisende Mutter mit Wurzeln und Flügeln zurecht kommt

«Zwei Dinge sollen Kinder von ihren Eltern bekommen», hat Johann Wolfgang von Goethe einmal gesagt: «Wurzeln, solange sie klein sind, und Flügel, wenn sie größer werden.»

Wenn die Kinder auf’s eigene Heim aufpassen …

Sind Sie auch vielreisende Geschäftsfrau mit Kinderanhang, wie ich? Dann sind Sie ja bestens vertraut mit der Kinderbetreuungsfrage. Als die Kinder noch klein waren, stellte sich die Frage: „Wer passt auf unsere Kinder auf?“ Jetzt, im Teenager-Alter wundere ich mich: „Wer passt auf unser Heim auf?“ Sie verstehen schon: Sturmfreie Bude, keine Mutter, die ständig nervt und wegräumt, hinterher putzt und zum Rechten schaut.

Für die berufsreisende Mutter ist es doch so – das Koffer packen allein ist schwierig genug: Die Schuhe müssen zum Business Kostüm passen, der Rock darf nicht zu kurz, soll jedoch nicht konservativ sein, die Handtasche muss sowohl ausreichend Platz bieten für die Akten am Tag und schick sein für das Dinner am Abend, etc. Alleine für’s Kofferpacken benötige ich deshalb viel Zeit. Noch schwieriger aber gestaltet sich die ganze Organisation rund um die Kinder – schon weit im Vorfeld der Geschäftsreise. Es fängt mit der Terminplanung an. Während der traditionelle Geschäftsmann allenfalls seinen Stellvertreter einweisen muss, plant die berufstätige Mutter mit grosser Inbrunst die Überbrückung ihrer Abwesenheit für die Daheimbleibenden. Dabei reicht es natürlich nicht, dass irgendjemand da ist, man will die Kinder ja schliesslich gut aufgehoben wissen.

Im besten Fall kann sich Frau auf die Unterstützung ihres Ehemannes verlassen, sofern er dies dann mit seinem eigenen Job vereinbaren kann und will. Fast ein Glücksfall ist es, wenn Frau schon ein verlässliches Au-Pair oder eine Nanny beschäftigt, also diese „nur noch“ detailliert instruiert werden muss. Problematisch wird es dann, wenn das Au-Pair selbst noch mehr Kind, denn verantwortungsvolle Erziehungsperson ist … Manchmal können auch Grosseltern aufgeboten werden, vorausgesetzt im vollen Pensionisten-Kalender findet sich gerade ein freies Zeitfenster. Ziehen Grossmama und -papa es vor in ihrem eigenen Daheim zu betreuen, müssen die Kinder vor der Geschäftsreise halt noch „rasch quer durchs Land“ gefahren werden.

Wenn alles akribisch geplant ist …

Pech ist, wenn alles fein säuberlich geplant und vorbereitet wurde, aber im letzten Moment etwas dazwischen kommt: z.B. Kind wird krank. Noch schlimmer, die Grosseltern werden krank. Der Super-Gau: Ehemann wird kurzfristig ebenfalls auf Geschäftsreise beordert und die Nanny wirft den Betel hin – alles schon so geschehen … Aus der Praxis habe ich gelernt: Selbst solche Katastrophenfälle lassen sich überbrücken, und wegorganisieren – vielleicht sogar einfacher, wenn die Kinder noch klein sind.

Komplexer wird es nämlich, wenn die Kinder Teenager sind, und den Standpunkt vertreten, dass sie nun alt genug seien, auf sich selber aufzupassen. Was sie mir in solchen Fällen eigentlich mitteilen wollen: „Schön, dass du weggehst, das gibt uns die Gelegenheit, das zu tun, was wir schon immer gerne machen wollten.“ Zum Beispiel er am Computer zocken bis morgens um drei Uhr, und sie im Kleiderschrank der Mutter nach einem passenden Outfit wühlen. Auch beliebt: Freunde zu einer Hausparty einladen, für alle kochen und das Aufräumen auf später (sprich Rückkehr der Mutter) vertagen, und natürlich im Wohnzimmer das Rauchen gestatten (man will ja vor den Freunden nicht spiessig sein).

Wenn die Tochter nicht nach Hause kommt …

Endlich sitzt Geschäftsfrau dann aber doch im Flieger, im Hotelzimmer, in Konferenzräumen und dergleichen. Als die Kinder klein waren, genoss ich es Zeit für mich alleine zu haben oder auf Interkontinentalflügen endlich mal 8 Stunden am Stück durchzuschlafen. Seit die Kinder Teenager sind, begleitet mich öfters ein dumpfes Gefühl der Unruhe. Nicht ganz unbegründet wie sich manchmal herausstellt. Zum Beispiel an jenem Morgen, als mich eine sms des Vaters buchstäblich aus den Federn des fremden Hotelbetts springen liess: „Tochter nicht nach Hause gekommen. Wie lautet nochmals die Adresse und Telefonnummer der Freundin?“ Was tue ich da Tausende von Flugkilometern entfernt, und auf dem Weg ins Geschäftsmeeting? Genau: Ruhe bewahren und sich in Gelassenheit üben. Hoffen, dass die «Wurzeln», mit denen ich die Kinder auszustatten versuchte, als sie noch klein waren, tief und belastbar genug sind.

Später abends liege ich im Hotelzimmer – Kontinente weit entfernt. Erschöpft, immer noch mit Jetlag, mich unruhig im Bett hin und her wälzend. Zuviel Zeit, um nachzudenken und zu grübeln. Sich deshalb fragend: „Ist die eigene Karriere nun das alles tatsächlich wert?“ Dazu stellt sich etwas Neid auf den traditionellen Geschäftsreisenden ein (vielleicht sogar der mitreisende Kollege im Hotelzimmer nebenan?), dessen Ehefrau ihm den Koffer voller dunkler Anzüge mit weissen, frisch gebügelten Hemden gepackt hatte, und auf seine Kinder und Daheim aufpasst …

Wie einfach könnte doch auch unser Leben sein…
Aber wer will denn «einfach» – wir wollen «alles».
Auch dann, wenn ich die Kontrolle abgeben und darauf vertrauen muss, dass sich die jungen Ikarusse mit ihren neuen Flügeln zuhause und auswärts ausprobieren, und hoffentlich nicht abstürzen werden.

Und übrigens: Wie war das damals bei uns im gleichen Alter?

 

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