Kinder – in der Schweiz ein Luxusprojekt?

Es gibt heute noch arme Länder in denen die Anzahl der Kinder ein Indikator für die Höhe der „Altersvorsorge“ der Eltern ist. Nicht so in der Schweiz – eher im Gegenteil: Obwohl wir ein reiches Land mit gut ausgebautem Sozialsystem sind, fragen sich viele jungen Paare, ob sie sich ein Kind leisten wollen. Das gilt im Besonderen für Doppelverdiener. Für ein Staat müsste das eigentlich ein Warnsignal sein: In letzter Konsequenz könnte es darauf hinaus laufen, dass die zukünftige Generation einer Nation hauptsächlich aus den weniger gut qualifizierten Gesellschaftsschichten besteht. Während die beruflich erfolgreicheren und besser verdienenden Bürger, für deren Ausbildung der Staat viel Geld ausgegeben hat, langsam aussterben.

 

Die Schweiz und Deutschland in direktem Vergleich

Ich bin Schweizerin, aber meine beiden Kinder sind in Deutschland geboren. Das war eine überlegte Entscheidung. Denn als mein erstes Kind zur Welt kam, hatte ich schon 10 Jahre gearbeitet. Davon die Hälfte in der Schweiz und die andere in Deutschland. Ich war also bestens in der Lage die beiden Sozialsysteme hinsichtlich „Kinderkriegen“ miteinander zu vergleichen. Und die Unterschiede waren – und sind es leider noch immer – frappant:

Es beginnt damit, dass das Gesetz vorsieht, dass eine schwangere Frau in der Schweiz bis zum letzten Tag vor der Geburt arbeitet. Sollte das aus gesundheitlichen Gründen nicht möglich sein, benötigt sie eine Krankschreibung ihres Arztes. Der Mutterschaftsurlaub von 14 Wochen beginnt in der Schweiz also erst nach Geburt des Kindes, und ist an einem Stück zu nehmen. Während des Mutterschaftsurlaubs erhalten Mütter 80% ihres Lohns, der mit 196.- Franken pro Tag gedeckelt ist. Der Arbeitgeber darf aus freien Stücken auf 100% aufstocken. Vaterschaftsurlaub oder Elternzeit sind in der Schweiz nicht gesetzlich verankert.¹ Gerade einmal ein Tag bezahlter Urlaub für den Vater sind in Schweizer Unternehmen üblich.

Die rechtliche Situation in Deutschland ist im Vergleich dazu paradiesisch: Werdende Mütter dürfen in den letzten sechs Wochen vor der Entbindung nur mit ihrer Einwilligung beschäftigt werden. Nach der Entbindung gilt ein Beschäftigungsverbot von acht Wochen. Während dieses gesamten Zeitrahmens wird 100% Lohnfortzahlung gewährt. Die gesetzlichen Regelungen dazu finden sich für Arbeitnehmer im Mutterschutzgesetz. „Wo liegt denn nun der grosse Unterschied?“, werden Sie jetzt sagen. Sie haben richtig gerechnet, der Mutterschutz beträgt in Deutschland auch nur 14 Wochen, doch hier kommt es:

Im Unterschied zur Schweiz gibt es die Elternzeit (früher: Erziehungsurlaub): Gemäß dem Bundeselterngeld- und Elternzeitgesetz (BEEG) haben sowohl Mütter als auch Väter einen rechtlichen Anspruch auf die Elternzeit.² Kündigungsschutz und Arbeitsplatzgarantie werden vom Gesetzgeber garantiert. Die Elternzeit beginnt mit der Geburt des Kindes, und endet mit dessen dritten Geburtstag. Den Elternteilen bleibt es überlassen, ob sie die Elternzeit für einen gewissen Zeitraum gemeinsam oder separat wahrnehmen möchten. Denn der Arbeitsvertrag ist nach wie vor gültig, er ruht lediglich. Es gibt zwar keine Lohnfortzahlung, dafür Elterngeld. Das ist eine staatliche Leistung in den ersten 14 Lebensmonaten des Kindes für Mütter und Väter, die ihre Erwerbstätigkeit unterbrechen oder reduzieren, um ihr Kind vorrangig selbst zu betreuen. Kehrt die Frau beziehungsweise der Mann aus der Elternzeit zurück, muss ihm deshalb (auch nach drei Jahren noch) entweder der alte oder ein gleichwertiger Arbeitsplatz zur Verfügung gestellt werden.

 

Nur USA und Mexiko schneiden schlechter ab

Im OECD-Vergleich liegen nordische (z.B. Finnland, Estland) und slawische Länder (z.B. Slowakei, Tschechei) an der Spitze hinsichtlich der Länge des bezahlten Mutterschaftsurlaubs.³ Der OECD-Durchschnitt liegt bei 55.2 und der EU-Durchschnitt bei 65.6 Wochen bezahltem Urlaub nach Geburt. Einzig die USA sieht überhaupt keine Bezahlung vor, und Mexiko liegt mit 12 Wochen ebenfalls weit unter dem Durchschnitt.

Nun ist Kinder kriegen natürlich keine Milchbüchlein-Rechnung. Trotzdem ist der finanzielle Gesichtspunkt nicht zu vernachlässigen – insbesondere dann, wenn junge Doppelverdiener daran interessiert sind ihren „Arbeitsmarktwert“ langfristig zu erhalten. Eigentlich müsste auch der Staat ein echtes Interesse daran haben, schliesslich hat er z.B. durch das Angebot eines hervorragenden Schweizer Schul- und Hochschulsystems für eine optimale Aus- und Weiterbildung des/r Arbeitnehmers/-in gesorgt, und dafür viel Geld ausgegeben. Um nach so viel Investitionen den Anschluss an das Berufsleben zu erhalten, ist es entscheidend, dass weder Frau (noch Mann) nach Kinderpause zu lange vom Arbeitsplatz weg bleiben. Ungünstig deshalb, dass in der Schweiz leider auch die Kosten für die Kinderbetreuung überdurchschnittlich hoch sind:

Während ein Babysitter-Lohn mit 7-10 Franken pro Stunde vertretbar ist, kann sich eine Ganztagesbetreuung in einer Kindertagesstätte bis zu ca. 2500 Franken pro Monat belaufen, was im Vergleich zum Lohn für eine vollangestellte Nanny zwischen 3800-4800 Franken allerdings immer noch preiswert erscheint.⁴ Es versteht sich von selbst, dass die Grenzen nach oben offen sind, und ein Resultat der individuellen Verhandlungen zwischen den Parteien. Wie viele erfahren müssen, ist es nicht zuletzt eine Frage der Dringlichkeit bzw. hängt vom Verzweiflungsgrad der Eltern ab eine gute Lösung für die Kinderbetreuung zu finden…

Auch dazu gibt es OECD-Studien: Im Jahr 2012 befand Lina Richardson vom Directorate for Employment, Labour and Social Affairs aufgrund ihrer Recherchen, dass «durchschnittliche Schweizer Doppelverdiener 35% ihrer durchschnittlichen Netto-Lohnsumme (nach Steuern) für Kinderbetreuung ausgeben», und damit «Kinderbetreuung in der Schweiz eigentlich nicht bezahlbar sei».⁵ Bestimmt wundert sich niemand mehr, wenn ich noch erwähne, dass damit die Schweiz am Schlechtesten von allen untersuchten Ländern abschnitt.

 

Wenig Wille etwas zu ändern in der Schweiz: Zukunft nur für Altruisten?

Natürlich bin ich nicht die Erste, die diesen Missstand anklagt. Im Juni 2017 wurde zu diesem Thema eine Volksinitiative eingereicht, welche nur zwanzig Tage Vaterschaftsurlaub verlangte. Trotzdem, unter Leitung einer Bundespräsidentin wurde diese am 18. Oktober 2017 zur Ablehnung empfohlen. Als Grund werden die hohen Kosten angegeben, welche die Wettbewerbsfähigkeit der Schweizer Wirtschaft beeinträchtigen würden.⁶

Nun sei hier nicht verschwiegen, dass es in der Schweiz vernünftigerweise Unternehmen gibt, die in Sachen Mutterschafts- und Vaterschaftsurlaub grosszügiger sind als das Gesetz. Aber als Frau ist man dann in Bittsteller-Position. Das ist nicht nur unschön, sondern auch verhandlungstechnisch meist ungünstig. Auf jeden Fall eine diametral unterschiedliche Situation zu meiner eigenen, damals als Arbeitnehmerin in einem deutschen Konzern:

Bei beiden meiner Kindern informierte ich den Arbeitgeber im 3. Monat der Schwangerschaft. Denn es war mir wichtig, dass nicht nur mein Arbeitgeber, sondern auch ich Planungssicherheit hatten. Deshalb teilte ich frühzeitig mit, wie ich mir die Zeit nach der Geburt vorstellte: Bei meiner Tochter gönnte ich mir ein Jahr Elternzeit, anschliessend blieb mein Mann ebenfalls drei Monate zuhause. Danach arbeitete ich wieder zu 100%, zwar in einem anderen, aber vergleichbaren Job. Grund für meinen Jobwechsel war der Wunsch meine Reisetätigkeit als Mutter deutlich zu reduzieren. Meine Tochter bekam einen Platz in der betriebseigenen Kindertagesstätte, wo sie in meiner Nähe und sehr gut aufgehoben war. Zusätzlich leisteten wir uns ein Au-Pair für die Fälle, wenn das Kind krank war, oder wir spät nach Hause kamen.

Als mein Sohn drei Jahre später geboren wurde, teilten sich mein Mann und ich wieder die Elternzeit zu je sechs Monaten. Ich kehrte in denselben Job zurück, arbeitete Vollzeit, und wurde ein Jahr später zur Teamleiterin befördert. Noch ein Jahr später erhielt ich von meinem Arbeitgeber die Anfrage, ob ich – trotz kleinen Kindern – bereit wäre nach Japan zu gehen, um die Leitung der Niederlassung vor Ort zu übernehmen. Ich erklärte, dass das nur möglich sei, wenn für eine optimale Kinderbetreuung gesorgt sein würde. Nach Verhandlungen erklärte sich mein Arbeitgeber bereit, die Kosten für Kinderhort und Nanny in meinen Auslandsaufenthalts-Entgelten zu berücksichtigen.

 

Wenn alle Parteien nur gewinnen können

Sowohl für meinen Arbeitgeber wie für uns Eltern hatten sich diese «Arrangements» ausbezahlt: Als gut ausgebildete und geförderte Arbeitnehmerin blieb meine Arbeitskraft dem Arbeitgeber langfristig erhalten. Seine Investitionen in mich hatten sich gelohnt. Im Gegenzug konnte ich als Mutter Beruf und Familie gut miteinander vereinbaren. Vor dem Hintergrund der grosszügigen gesetzlichen Elternzeitregelungen in Deutschland stand ich mit meiner Entscheidung, mich insgesamt eineinhalb Jahre aus dem Arbeitsprozess zurückzuziehen, um mich ganz den Kindern zu widmen, sogar gut da. Last, but not least, hatten die Kinder den Luxus viel Zeit mit ihrem Vater zu verbringen, da er ebenfalls von der Möglichkeit Gebrauch machte, Elternzeit zu nehmen. Aus meiner Sicht deshalb eine win-win-win Situation für alle Parteien.

Das soll hier natürlich kein Aufruf an Schwangere und Schweizer Mütter werden, möglichst schnell nach Deutschland auszusiedeln. Trotzdem muss ich feststellen, dass mein ursprünglich rein beruflich motivierter Entscheid in Deutschland zu arbeiten der Familie viele Vorteile bescherte, die ich so in der Schweiz nicht gehabt hätte.

Ich fühle mich in unserem Land sehr wohl, aber in diesem Punkt gibt es etwas, das wir verbessern können, um die Entscheidung des Kinderkriegens für Alle zu erleichtern. Aus Sicht des Schweizer Staates müsste sich das allemal lohnen – immer vorausgesetzt, Frauen sind im Wirtschaftsleben unseres Landes wahrhaftig erwünscht.

Und wie sehen Sie das?

 

 

¹ SECO – Arbeitsbedingungen: Mutterschaft – Schutz der Arbeitnehmerinnen : https://www.seco.admin.ch/seco/de/home/Publikationen_Dienstleistungen/Publikationen_und_Formulare/Arbeit/Arbeitsbedingungen/Broschuren/mutterschaft-_-schutz-der-arbeitnehmerinnen.html

² Bundesministerium für Familien, Senioren, Frauen und Jugend – Mutterschutzgesetz:
https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/service/gesetze/mutterschutzgesetz/73762

³ OECD Family database 26.10.2017: Comparison of maternity/parental leave systems
https://www.oecd.org/els/soc/PF2_1_Parental_leave_systems.pdf

Familienleben – Kosten für Kinderbetreuung in der Schweiz:
https://www.familienleben.ch/kind/betreuung/kosten-fuer-kinderbetreuung-2192

Costs of childcare across OECD countries (2012) https://www.ifs.org.uk/docs/OECD%20countries_Richardson.pdf

NZZ Bundesrat lehnt Vaterschaftsurlaub ab
https://www.nzz.ch/schweiz/bundesrat-lehnt-vaterschaftsurlaub-ab-ld.1322597

 

(Bild: Alexas_Fotos – pixabay)

4 Kommentare

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Brigitteantworten
26. März 2018 at 12:40

Bravo Claudia Göldy! Wenn unsere Gesetze den deutschen angepasst würden, hätten wir weniger Scheidungen und mehr Geburten unter den Eliteschweizern. Wir bräuchten auch nicht mehr Kitas, weil wir über ein riesiges Potenzial an rüstigen Grosseltern verfügen! Wir Senioren nehmen auch freiwillig die Flüchtlinge unter unsere Fittiche, lehren sie Deutsch und unsere Traditionen. Von uns lernen sie, dass unser Wohlstand nur durch tägliches Arbeiten entstanden ist. Somit trennt sich schnell der Spreu vom Weizen und wir sehen klar, wer sich wirklich integrieren will. Weiter so Frau Göldi, wir wären zu Zeiten ihrer Vorfahrin auch verbrannt worden!
Dranne bliibe, dranne bliibe von einem früher alleinerziehenden
Grosi aus der konservativen Innerschweiz

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Claudia Göldiantworten
28. März 2018 at 15:27
– In reply to: Brigitte

Liebes gar nicht so konservative Grosi aus der Innerschweiz! Ich freue mich sehr über Ihren Beitrag, da kann ich Ihnen nur beipflichten und freue mich über jede/n, der genauso denkt.

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Martinaantworten
5. Juli 2018 at 20:27

Das war ein sehr spannender Artikel, vielen Dank! Vor allem 1 Tag Vaterschaftsurlaub in der Schweiz ist lächerlich.

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Claudia Göldiantworten
7. Juli 2018 at 9:35
– In reply to: Martina

Vielen Dank, Martina. Zurzeit fordert eine Volksinitiative in der Schweiz 4 Wochen Vaterschaftsurlaub. Nicht, dass das sehr viel wäre, dennoch sind die bürgerlichen Parteien dagegen … In der Berner Zeitung gab es anfangs Jahr dazu einen Artikel: https://www.bernerzeitung.ch/schweiz/standard/Zwei-Wochen-Vaterschaftsurlaub-sind-schon-fast-Standard/story/10586470

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