Wer Emotionen zeigt, gewinnt!

Es gibt Hoffnung für uns Frauen. Auch dann, wenn wir wieder und wieder für unsere Emotionalität kritisiert werden. Die Hoffnung kommt aus einer unerwarteten Richtung: Von einem Mann, genau genommen von einem Professor. Nicht von irgendeinem Professor, sondern von Professor Quy Huy von der renommierten Business School INSEAD. Kurz zusammengefasst sagt er: «Menschliche Emotionen sind der Hauptgrund, weshalb grosse Ideen und Visionen in der Praxis scheitern.»

Emotionen sind der Motor

Professor Quy Huy ist studierter Elektroingenieur und Chartered Financial Analyst (CFA). Nach Studiumabschluss war er über 16 Jahre in führenden Positionen der Telekommunikationsbranche tätig. Dort beobachtete er, dass Emotionen der effektivste Motor für Strategieumsetzungen und Veränderungen sind. Also nicht wie gemeinhin erwartet spezifisches Fachwissen, oder die Autorität kraft einer hierarchisch höheren Position. Gerade weil sich Professor Quy Huy als Ingenieur für einen sehr rationellen und faktenorientierten Menschen hielt, interessierte ihn diese Entdeckung. Sie faszinierte ihn so sehr, dass er sie fortan zum Mittelpunkt seiner Forschungs- und Lehrtätigkeit im Bereich Strategie und Strategieumsetzung machte. Seither schrieb er in vielen Publikationen darüber, und unterrichtet gestandene Manager bzw. solche die es werden wollen, darin.1)

Professor Quy Huy demonstriert das an Beispielen wie Steve Jobs (Apple) oder Jeff Bezos (Amazon): Natürlich hatten diese Unternehmer brillante neue Ideen. Der entscheidende Unterschied lag jedoch in ihrer besonderen Fähigkeit Mitarbeiter und Teams zu begeistern. Sie kreierten eine besondere Arbeitsumgebung, in welcher die Kenntnisse und Begabungen jedes einzelnen Teammitglieds zum Tragen kam, und somit für das Projekt optimal genutzt werden konnte.

Der Grundsatz, Emotionen zu nutzen, anstatt zu negieren und ignorieren, gilt aber nicht nur für solche herausragende Erfindungen und Unternehmen. Er gilt auch für die Politik, und im täglichen Arbeitsleben, wie Professor Quy Huy herausgearbeitet hat.

«Leg Dir ein dickeres Fell zu»

Wurde Ihnen (als Frau) auch schon vorgeworfen, dass Sie zu emotional sind?

Eine Situation gleich zu Beginn meines Berufslebens wird mir stets in Erinnerung bleiben: Als frisch gebackene Uni-Absolventin stiess ich in ein bestehendes Kundenteam und sollte von einem erfahrenen Kollegen eingearbeitet werden. Aus irgendeinem Grund betrachtete mich dieser Kollege als Konkurrentin, und zeigte deshalb keinerlei Interesse an seiner Aufgabe. Stattdessen liess er mich immer wieder vor unserem gemeinsamen Chef auflaufen. Natürlich ärgerte mich das. Ich war nicht nur enttäuscht, sondern wurde zunehmend wütend und aufgebracht. Diese Emotionen brachte ich während meines Probezeitgesprächs gegenüber meinem Chef zum Ausdruck. Er antwortete mir: «Claudia, das hier ist die Arbeitswelt. Da weht manchmal ein rauher Wind. Wenn Du in dieser Welt Deinen Weg machen willst, musst Du Dir ein dickeres Fell zulegen. Emotionen sind hier fehl am Platz.»

Ich legte mir über die Jahre tatsächlich ein „dickeres Fell“ zu. Das verschaffte mir einerseits einen gewissen Schutz gegen Anfeindungen und Machenschaften. Andererseits blieben meine Emotionen, und damit auch Potenzial, auf der Strecke. Es entwickelte sich eine „emotionale“ Distanz zwischen mir und meiner Arbeitsumgebung. Das führte manchmal dazu, dass ich Probleme vor mir her schob, oder konfliktreichen Situationen bewusst aus dem Weg ging. Das kostete Zeit, ein begrenztes Gut, nicht nur im Geschäftsleben. Auch unsere persönliche Lebenszeit ist endlich.

Wenn ich Probleme nicht angehe, weil ich Emotionen zu wenig Beachtung schenke, dann stehle ich mir selbst – und anderen – Zeit. Ich verharre vielleicht zu lange in einer beruflichen Situation, die mir nicht gut tut, oder die mir keine Weiterentwicklung ermöglicht. Ich mache auf Fehler und Unstimmigkeiten nicht, oder zu spät, aufmerksam. Ich decke unhaltbare Zustände und Machenschaften nicht auf, weil ich Konflikte, und damit Emotionen, von mir fern halten will. Favorisiert das Unternehmen gar eine solche Kultur kann es dazu führen, dass die gesamte Organisation „ausgebremst“ wird, und wie gelähmt erscheint.

Bloss nicht ins Kreuzfeuer geraten

Bestimmt kommt Ihnen diese Situation bekannt vor:

Sie sitzen in einem Teammeeting. Mit am Tisch sitzen zwei Kollegen, von denen Sie wissen, dass sie sich nicht mögen. Ein Problem wird scheinbar sachlich diskutiert. Kollege A verweist auf objektive Fakten. Kollege B hält mit anderen Fakten und Argumenten dagegen. Das Fachgespräch erhitzt sich. Es mündet in eine regelrechte Debatte, vielleicht sogar in eine aggressive Auseinandersetzung. Es ist schwer zum Schluss zu kommen. Eine echte Problemlösung ist weit und breit nicht in Sicht. Denn, was eigentlich diskutiert werden müsste – nämlich die Ebene der Emotionen und die Frage, weshalb sich die zwei Kollegen nicht mögen – spielt sich „unter dem Tisch ab“. Damit bleibt eine echte Problemlösung aussen vor. Auch hier werden Zeit verschwendet und Potentiale nicht gehoben. Jede/r, die in einem solchen Raum sitzt, wird vor allem darauf achten, nicht ins Kreuzfeuer der beiden Kontrahenten zu geraten.

In der Angewandten Psychologie und Betriebswirtschaftslehre wird in diesem Zusammenhang auf das «Eisberg-Modell» verwiesen: Wie bei einem Eisberg liegen die unbewussten Emotionen, Ängste, verdrängten Konflikte, Misstrauen, Instinkte und vielleicht sogar traumatische Erlebnisse unter der Oberfläche. Sie werden in der Kommunikation nicht adressiert. Diese Empfindungen machen jedoch 80% der gesamten (verbalen und non-verbalen) Kommunikation aus. Es versteht sich von selbst, dass etwas, das 80% ausmacht, die Beziehungsebene stört, wenn auch oft unbewusst. Natürlich setzt sich das auf der Sachebene nieder. Emotionen unter den Teppich kehren ist deshalb kein guter Ratgeber.

Aus diesem Grund empfiehlt Professor Quy Huy Emotionen nicht weiter zu ignorieren. Er geht noch weiter und sagt: Wer unterliegende Empfindungen und Gemütszustände erfassen und darauf adäquat reagieren kann, wird in die Lage versetzt solche Emotionen für Aufgaben, Ziele und Projektumsetzungen zu nutzen.

Das sind doch tolle Neuigkeiten! Gerade unsere weibliche Intuition kommt uns hier besonders zugute.

Schimpfen und Heulen am Arbeitsplatz erwünscht

Es kommt noch besser. Professor Quy Huy ist längst nicht der einzige Mann, der Emotionen am Arbeitsplatz begrüsst. Jim Whitehurst, Präsident und CEO von Red Hat, weltgrösster Anbieter von Open Source Firmen-Software, geht noch weiter: Er ermuntert seine Mitarbeiter darin bei der Arbeit zu schimpfen und zu heulen.

Auf die Frage hin, ob ein solches Verhalten das Arbeitsklima nicht vergifte, und ob die Mitarbeiter vor lauter Drama überhaupt noch arbeiten könnten, antwortete Jim Whitehurst in einem Interview: «Die Idee, dass Professionalität gleichzusetzen ist mit Steifheit und einem poker-haften Benehmen ist längst überholt. Gute Manager nutzen die glühende Leidenschaft ihrer Mitarbeiter und Kollegen für die Entwicklung neuer Ideen. Wir können nicht verlangen, dass Mitarbeiter pure Begeisterung und andere „positive“ Emotionen am Arbeitsplatz zeigen, und gleichzeitig erwarten, dass sie alles Andere daheim lassen.»2)

Dem bleibt mir nichts mehr hinzuzufügen. Ausser vielleicht: Sollten Sie wiedermal für Ihre Emotionalität kritisiert werden, verweisen Sie einfach auf Professor Quy Huy oder Jim Whitehurst. Emotionen bewegen die Welt.

 

Quellen:

1) INSEAD EMBA: From Vision to Execution: The Importance of Emotional Capital

2) Thrive Global: The CEO of Red Hat wants to see his employees crying. The reason behind it is priceless. 

Zum Vertiefen inkl. weiterführende Literatur:

INSEAD Faculty Profile Professor Quy Huy

 

(Bild: rawpixel – pixabay)

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