Wenn Arbeitstiere den Elefanten machen

Mütter sind Arbeitstiere. Sie wecken früh morgens die Kinder. Gehen zur Arbeit. Erledigen den Einkauf abends auf dem Weg nach Hause. Sie kochen Abendessen und legen dann noch schnell die Wäsche zusammen. Oder sie schieben eine Nachtschicht fürs Büro ein, freiwillig und unbezahlt, nachdem die Kinder schon im Bett sind. Aber selbst Mütter brauchen eine Auszeit. Immer mehr Frauen machen Yoga. Woher kommt dieser Hype?

Wenn sich Sport nach zusätzlichem Stress anfühlt

Vor langer Zeit machte ich Aerobics. Ich kann mich noch gut an Jane Fonda erinnern, an die farbig glänzenden Trainingsanzüge, an die passenden Stirnbänder und das schnelle Hüpfen zu Disco-Musik. Dann kamen die diversen Fitnessstudios mit ihren Ausdauergeräten in Mode: Wie viele virtuelle Berge bin ich mühsam auf dem Stand-Rad hoch getreten, nur um auf der anderen Seite wieder hinunter zu radeln – ohne mich real auch nur ein My vom Fleck zu bewegen? Alternativ: zusammen mit Gleichgesinnten Gewichte stemmen in einem übel riechenden Studio. Da war mir Jogging an der frischen Luft noch lieber. Trotzdem, das Alles fühlte sich stets nach mehr Arbeit an, als nach Freizeitvergnügen und Erholung. Sprich: physischer Stress nach geistigen Strapazen im Büro.

Und nun mache ich Yoga, wie so viele andere auch – die halbe Frauenwelt scheint mittlerweile zu Yoginis zu mutieren. Es fragt sich deshalb wie es kommt, dass eine mehrere Tausend Jahre alte indische Praxis im Jahr 2018 einen so durchschlagenden Erfolg verzeichnet?

Vom Hexenschuss zum Sonnengruss in Thailand

Gute Freunde von mir praktizieren seit vielen Jahre Yoga. Begeistert erzählten sie mir jeweils von ihren Fortschritten und Yoga-Urlauben unter tropischer Sonne. Fernöstliche Philosophien faszinierten mich schon immer, und mehr Bewegung hätte mir gestresster Working Mom auch gut gestanden. Deshalb war ich ein bisschen neidisch, und hielt Ausschau nach einem passenden Yoga-Kurs, wenn mich das schlechte Gewissen wieder mal packte. Auswahl hätte es wahrlich genug gegeben. Aber immer kam etwas dazwischen, setzte ich andere Prioritäten in meinem Berufs- und Privatleben. Bis sich mein Körper rächte: Eines schönen Tages beugte ich mich vornüber, und wie ein Blitz fuhr mir der stechende Schmerz in den Rücken.

„Hexenschuss“, attestierte der Doktor, und verschrieb mir schwere Schmerzmittel. Über Wochen konnte ich mich kaum bewegen. Selbst Socken anziehen und Tee kochen wurden zur Herkulesaufgabe. Innert Sekunden war aus mir «Do-it-yourself-Lady» plötzlich ein Krüppel geworden, ganz und gar auf die Hilfe meines Ehemanns und Kinder angewiesen. Die Medikamente schlugen mir auf den Magen. Also suchte ich nach Alternativen, googelte, und stiess auf Online-Übungen gegen Hexenschuss  Es erstaunt mich noch heute wie schnell diese einfachen Turnübungen halfen. Ich entdeckte meinen Körper wieder, und wollte mehr. Im Rahmen weiterer Internet-Recherchen fiel mir auf, dass viele physiotherapeutische Übungen ihren Ursprung im indischen Yoga haben.

Ein paar Wochen später war ich in Thailand im Urlaub. Tägliches Yoga um 8 Uhr morgens stand zum Angebot. Während mein Mann sich nochmals genüsslich im Bett umdrehte, versuchte ich die Yoga-Stellungen meines Lehrers nachzuahmen. Jämmerlich fühlte ich mich neben ihm, ungelenk und wie ein eingerostetes Skelett. Die Übung «herabschauender Hund» kriegte ich zwar hin, die «Taube» sah bei mir jedoch armselig aus, und beim «Elefanten» scheiterte ich vollends. Ohne den fantastischen Blick auf das weite glitzernde Meer hätte ich wohl schon am zweiten Tag aufgegeben. Einziger Trost: Je mehr Yoga ich machte, desto weniger Rückenschmerzen verspürte ich. Am vierten Tag stellte mein Lehrer lakonisch fest, dass man mir meinen jahrelangen Bürojob ansähe… Seither arbeite ich daran, mir meine Beweglichkeit zurück zu erobern.

Von wissenschaftlichen Studien und Mönchen in der Magnetröhre

Jede, die Yoga praktiziert weiss natürlich, dass Yoga viel mehr ist als ein paar Turnübungen. Atemübungen, Tiefenentspannung und Meditation sind wichtige Bestandteile. Alles zusammen soll eine Steigerung der Lebensqualität bewirken. Wissenschaftliche Studien führender Ärzte und Psychologen sind sich mittlerweile darüber einig, dass Yoga sowohl therapeutische wie auch präventive Wirkung entfalten kann.(¹) Schon nach einer 14-wöchigen Testphase zeigten Probanden eindrucksvolle Verbesserungen in ihrer Entspannungs- und Erholungsfähigkeit, einen deutlichen Rückgang allgemeiner Beschwerden. Sogar gegen Depressivität und Ängstlichkeit sollen Yoga und Meditation helfen.(²)

Selbst Veränderungen im Bewusstsein der Testpersonen konnten beobachtet werden: 2005 hat der Dalai Lama höchstpersönlich acht seiner buddhistischen Mönche zu Untersuchungszwecken nach USA  geschickt. Dort meditierten sie in Magnetröhren währendem Neuropsychologen ihre Hirnströme analysierten. Der Blick auf die Messwerte offenbarte eklatante Unterschiede: Im Gehirn der Mönche stieg die so genannte Gamma-Aktivität um ein Vielfaches an, während sie sich bei den ungeübten Probanden kaum erhöhte. Außerdem waren diese schnellen, hochfrequenten Hirnströme besser organisiert und koordiniert. Gamma-Wellen treten bei starker Konzentration und kognitiven Höchstleistungen auf. Bei den Mönchen dauerte dieser Effekt über den Moment der Meditation und Erleuchtung hinaus an. Dies gilt als weiterer Beleg dafür, dass sich das Bewusstsein und damit die gesamte Persönlichkeit eines Menschen durch Meditation gezielt beeinflussen lassen.(³)

Eine Art «Slow Gym»

Yoga und Meditation sind also nachweislich effektiv und gesund. Trotzdem frage ich mich, weshalb wir gerade jetzt einen solchen Yoga-Boom erleben? Jenseits von wissenschaftlichen Erkenntnissen habe ich dazu meine eigene Theorie: Im Unterschied zu anderen Sportarten spricht Yoga unseren ganzen Körper an – Körper, Geist und Seele. Eine Yoga-Session zwingt uns dazu inne zu halten, in uns hinein zu hören: Wir kommen von unserem Kopf und den Gedanken auf unseren Körper und das Gefühl zurück. Damit ist für mich Yoga auch eine Wiederentdeckung der Langsamkeit. So eine Art «Slow Gym» in Analogie zum Slow Food. Es ist Zuflucht und Oase zugleich in einer stressigen Welt.

Ein weiterer Grund für den Siegeszug: ich kann Yoga und Meditation überall, jederzeit und auf kleinstem Raum praktizieren. Handtuch oder Gummimatte reichen vollends aus. Sogar immer neue Übungseinheiten können per Apps virtuell abgerufen werden. Damit kann ich es sowohl als Mutter zuhause wie als Geschäftsfrau auf Reisen praktizieren.

Und so stimme ich in das Heer der vielen Yoga-Fans mit ein und empfehle: Raffen Sie sich auf und machen Sie auch mit, bevor sich Ihr Körper rächt!

Meine Gamma-Wellen sind zwar noch im unterdurchschnittlichen Bereich und am «Elefanten» arbeite ich immer noch, aber wie heisst es so schön: Übung macht den Meister.

 

Zum Vertiefen und Ausprobieren:

(¹) Steigerung der Lebensqualität durch Yoga
(²) Yoga auf dem Prüfstand – Eine Studie von Steffen Brandt über die Wirksamkeit von Yoga
(³) Neuro-Experiment – Mönche in der Magnetröhre

Yoga- und Meditations-Apps für zuhause und unterwegs:

Down Dog– Great Yoga Anywhere

Headspace – A few minutes could change your whole day

(Bild: dolvita 108 – pixabay)

 

 

1 Kommentar

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esmeraldaantworten
28. Mai 2018 at 2:50

Thank you for this post. Its very inspiring.

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