Voll beschäftigt und trotzdem mutterseelenalleine

Das Thema Einsamkeit kennt viele Facetten. Eines aber scheint gesichert: Wer sich chronisch einsam fühlt, dessen Gesundheitsrisiken erhöhen sich. Manfred Spitzer, Professor für Psychiatrie in Ulm erklärt in seinem neuen Buch die Einsamkeit sogar zur „Todesursache Nummer eins“. ¹ Einsamkeit bedeutet dabei nicht zwingend, dass man alleine lebt. Auch in einer Partnerschaft oder mit Kind kann man sich einsam fühlen. Eine Einsamkeit, die deshalb oft übersehen wird, ist diejenige von Müttern.

Einsamkeit geniessen

Einsamkeit kann, muss aber nicht negativ besetzt sein. Schon immer gab es Menschen, die ganz bewusst die Einsamkeit gesucht hatten: z.B. Einsiedler wie Nikolaus von der Flüe in der Schweiz oder die indischen Sadhus, die aus religiösen Gründen der materiellen Welt entsagen und sich in den Himalaja zurück ziehen, um zu meditieren. Viele Menschen suchen gerade in unserer umtriebigen Welt die Einsamkeit – beim Wandern in den Bergen, in einer Auszeit der Stille z.B. in einem Kloster, oder sie besuchen Retreats verschiedenster Arten (Yoga, Meditation, etc.). In diesen Fällen geht es darum die Zeit mit sich alleine ganz bewusst zu suchen, und vor allem zu geniessen. Diese Art der Einsamkeit ist also grundsätzlich positiv besetzt.

Der deutsche Psychotherapeut Dr. Theodor Seifert schrieb 1980²: «Einsamkeit und Alleinsein sind zweierlei. Viele leben allein, doch nicht alle fühlen sich einsam. Und die Einsamkeit hat viele Erscheinungsformen. Manche können die Angst vor ihr kaum mehr ertragen, andere sehnen sich danach, allein zu sein. Sicher sind die meisten auf den Kontakt mit anderen Menschen angewiesen. Wie gut wir aber auch ohne sie auskommen, hängt davon ab, wie wir zu uns selber stehen.»

Unerwartet viele Einsame

Gibt man den Begriff „Einsamkeit“ im Internet ein, beziehen sich die ausgeworfenen Suchresultate allerdings häufiger auf die negative Interpretation von Einsamkeit. Es geht dabei um das subjektive Empfinden von Verlassensein, die Sehnsucht nach sozialer Eingebundenheit und Wertigkeit. Das Gefühl geht einher mit Traurigkeit und Verzweiflung.

Eine neue amerikanische Studie zum Thema stellt fest, dass sich drei Viertel der untersuchten „ganz normalen Teilnehmer“ zwischen 27 und 101 Jahren einsam fühlen. Das überstieg bei weitem die Erwartungen der Forscher! Sie fanden auch heraus, dass es im Leben drei Lebensphasen gibt in denen das Gefühl der Einsamkeit besonders häufig erlebt wird: Nicht überraschend ist eine davon die Alterseinsamkeit der über 80-Jährigen. Doch auch Menschen Ende 20 leiden offenbar besonders häufig unter Einsamkeit, sowie die Mitte 50-Jährigen – letzteres klassischerweise als die Zeit der Midlife-Crisis bezeichnet. Die Wissenschaftler konnten zudem keinen Unterschied zwischen Männern und Frauen erkennen.³

Jung, erfolgreich und einsam 

Was die Frauen Ende 20 anbelangt, schrieb die Zeit-Redakteurin Susanne Gaschke 2005 ein viel beachtetes und diskutiertes Buch mit dem Titel: «Die Emanzipationsfalle: Erfolgreich, einsam, kinderlos.» Über die Einsamkeit der „Karrierefrau“ wurde seither viel geschrieben. Zum Beispiel darüber wie schwer es sein kann einen passenden Mann zu finden. In einem Welt-Artikel aus 2010 konstatiert eine junge Unternehmerin lakonisch: „Du hast Selbstbewusstsein und Einkommen, bist Chefin deines eigenen Ladens, reist um die ganze Welt und kannst für dich selber sorgen. Welcher Mann soll das mögen?“⁴

Viele andere Frauen teilen dieses Gefühl, so zitiert auch Spiegel Online eine promovierte Kulturwissenschaftlerin in leitender Position mit den Worten: «Ich fühle mich hier manchmal sehr einsam und mache mir Gedanken. Wenn jetzt alle verheiratet sind und Kinder haben, wer bleibt dann noch für mich übrig?»⁵

Die Einsamkeit der Mütter

Nun könnte man annehmen, dass sich eine Frau in einer Partnerschaft oder mit Familie weniger einsam fühlen müsste. Dem ist aber nicht so. Ein Aspekt, der häufig tabuisiert wird.

Wenn ich auf mein eigenes Erleben zurückblicke, kann auch ich festhalten: Als meine Tochter auf die Welt kam war ich schon über 30 Jahre alt, also eine erfahrene erwachsene Person mitten im Beruf stehend und mit einigem an Lebenserfahrung. Ich lebte ca. 300 km von meinen Eltern und nächsten Verwandten entfernt. Auch meine alten und besten Schulfreundinnen, von denen die Meisten ebenfalls frisch gebackene Mütter geworden waren, und mit denen ich mich hätte gut austauschen können, lebten weit weg. Mein Mann arbeitete als Consultant, und war die gesamte Woche über ausser Haus. Die einzigste Person, die mich deshalb regelmässig besuchte, war die Hebamme – zumindest in den ersten paar Wochen.

Danach war ich auf mich alleine gestellt, und musste selbst herausfinden wie es sich als frisch gebackene Mutter mit einem Neugeborenen so lebt, wie man sich organisiert, und wo man neue Bekannte findet. Denn das anfänglich grosse Interesse meiner früheren Arbeitskolleginnen ebbte schnell ab, nachdem unser gemeinsamer Gesprächsstoff immer weniger wurde.

Ich bin und war keine Ausnahme. Vielen Tausend anderen Müttern ergeht es heutzutage ähnlich nach einer Geburt. Was für ein krasser Gegensatz im Vergleich zu früheren Generationen oder gar archaischen Gesellschaften, wo eine Mutter stets von ihresgleichen lernte und betreut wurde!

Gefühle sind nicht planbar

Glücklicherweise ging es mir damals psychisch hervorragend. Ich genoss die Zeit mit meiner Tochter, deshalb fiel mir das Dach nicht auf den Kopf. Dass das ganz anders sein kann beobachtete ich an einer neuen Bekannten aus der Babygruppe: Sie wurde derart schwer depressiv, dass sie in eine Klinik eingeliefert werden musste und sich über viele Monate nicht mehr selbst um ihr Kind kümmern konnte. Sie litt an einer postpartalen Psychose.

Die Depression muss nicht derart total sein; und ich spreche in diesem Blog auch nicht vom sogenannten Baby-Blues, der nach ein paar Wochen der körperlichen und seelischen Umstellung vorbei geht. Stattdessen meine ich das andauernde Gefühl der Einsamkeit von Müttern.

Oft ist die Situation doch ganz ähnlich wie es bei mir war: Nachdem die Frau jahrelang berufstätig und selbständig war, findet sie sich nach Geburt ihres Babys erstens alleine, und zweitens in einer völlig ungewohnten Situation wieder. Sie trägt plötzlich enorm viel Verantwortung für ein kleines Wesen, das komplett von ihr abhängig ist. Die Option spontan Freunde zu treffen, in den Sportclub oder einkaufen zu gehen, einfach wegzugehen oder das zu tun, wonach ihr gerade ist, gibt es nicht mehr, oder erscheint mit „Kind im Schlepptau“ herausfordernd und kompliziert. Infolge Geburt und Schlafmangel ist die Frau oft erschöpft und, sollte sie das Kind stillen, mit zusätzlichen neuen körperlichen Erfahrungen konfrontiert. Dafür ist sie vielleicht geistig unterfordert. Auf jeden Fall scheint sich plötzlich alles nur noch ums Kind, sein Wohlergehen und den Haushalt zu drehen.

Aufgrund der Neuartigkeit dieser Situation ist es schwer die Gefühle, die eine werdende Mutter nach der Geburt empfinden wird, vorauszusagen. Schon gar nicht sind sie planbar. Umso mehr ist nachzuvollziehen, dass auch Mütter, die sich sehnlichst auf ihr Kind gefreut hatten, nicht unbedingt mit dieser Situation gut zurechtkommen müssen, und sich alleine und verlassen fühlen.

Ständig unter Leuten und trotzdem einsam

Dass das auch – oder vielleicht sogar erst recht Frauen geschehen kann, die nach der Geburt in die Arbeit zurückkehren, illustriert der Kommentar einer Leserin im Online-Magazin „Geborgen wachsen“: «Vier Wochen nach der Geburt hieß es dann wieder für mich „arbeiten“. Vollzeit, mit Kind. Und jetzt … 15 Monate später fühle ich mich immer noch alleine und einsam. Kaum ein Sozialkontakt ist geblieben. Andere Mütter mit Kinder habe ich auch nicht kennengelernt. So sehr bin ich eingespannt in die Rolle als Alleinerziehende, selbstständige Unternehmerin mit Kind.»⁶

Auch ohne Alleinerziehende gewesen zu sein, kann ich diese Erfahrung sehr gut nachvollziehen: Wo sollen arbeitende Mütter die Zeit hernehmen, um entweder das frühere soziale Netzwerk zu pflegen, oder aber ein neues aufzubauen? So rückte dieser Aspekt auch in meinem Leben komplett in den Hintergrund. Ich setzte meine Prioritäten ganz klar auf die Kinder und die Arbeit, was ja erstmal verständlich, aber der eigenen Gemütslage auf die Dauer abträglich ist. Meine wenigen verbleibenden Stunden wurden mehr schlecht als recht verteilt auf ein bisschen Sport, physische und psychische Erholung und die Pflege der Partnerschaft. Ab und zu traf ich alte Freunde, doch so selten, dass sich diese Kontakte zunehmend abkühlten, um schliesslich nur noch auf Sparflamme zu laufen.

Eine „Freundin auf Sparflamme“ ist aber nicht jemand, bei dem man sich aufgehoben fühlt, der einem nahe ist oder an den man sich in schwierigen Zeiten wendet. Wen wundert es dann noch, dass Mütter – vor allem erwerbstätige Mütter – heute besonders oft von Burn-out betroffen sind? Es ist erwiesen, dass Burn-out durch die Kombination von Stress und Einsamkeit typischerweise befördert oder gar ausgelöst werden kann.

Gesünder dank sozialer Kontakte

Dies führt uns zurück zum Anfang: Nämlich zur Wichtigkeit von sozialen Kontakten für unsere  Gesundheit und Psyche. Eine Metastudie, die Daten von 148 bereits veröffentlichten Studien auswertet, also insgesamt mehr als 300 000 Menschen umfasst, zeigt: «Wer intensive Kontakte zu Verwandten, Freunden und Bekannten pflegt, lebt länger.»⁷ … dem würde ich noch hinzufügen: Und lebt weniger einsam und deshalb zufriedener und glücklicher. Nicht von ungefähr hat sich deshalb der österreichische Staat dazu entschieden das Postulat «Die Gesundheit durch sozialen Zusammenhalt zu stärken» zu einem seiner zehn Rahmengesundheitszielen zu deklarieren.⁸

Das Ziel ist deshalb klar: Für Frauen, insbesondere berufstätige Mütter, gilt es sich ein funktionierendes intaktes soziales Netzwerk aufzubauen und erhalten, um Einsamkeit vorzubeugen und damit die eigene psychische Gesundheit zu stärken.

Währenddessen ich das tippe ist mir allerdings klar, dass das eine weitere Pendenz im vollen Terminkalender der berufstätigen Mutter ist: Eine zusätzliche Herausforderung neben der ohnehin anspruchsvollen Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Als hätten wir nicht schon genug am Hut. Woher sollen wir die Zeit und Kraft dafür nehmen?!

Ich kann solche Einwände und Bedenken gut nachvollziehen. Nichtsdestotrotz gilt es sich vor Augen zu führen, dass es ums eigene  Wohlergehen geht. Zumindest sind Erkenntnis und Bewusstheit die Voraussetzung und der Anfang aller Veränderungen. Wahr ist zudem: Netzwerke helfen nicht nur unserer Psyche und Gesundheit, sondern sind auch in beruflicher Hinsicht nützlich.

Hätte ich es anders gemacht, wenn ich das alles damals gewusst hätte? Ich weiss es nicht. Aber zumindest hätte ich die Wahl gehabt, eine informierte Entscheidung zu treffen.

Quellen:

¹ Zeit online: Einsamkeit – eine tückische Trenddiagnose https://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2018-04/psychologie-einsamkeit-manfred-spitzer-gefuehl-krankheit-alleinsein-isolation

² Dr. Theodor Seifert in: Psychologie Heute, H.2, Februar https://www.zvab.com/21980-Einsamkeit-lernen-selbst-ertragen-Psychologie/16489332631/bd

³ scinexx – das wissensmagazin : Wann fühlen wir uns einsam? https://www.scinexx.de/news/medizin/wann-fuehlen-wir-uns-einsam/

⁴ welt: Die Einsamkeit der Karrierefrau https://www.welt.de/welt_print/debatte/article6034925/Die-Einsamkeit-der-Karrierefrau.html

⁵ Spiegel online: „Wenn ich Männer treffe, haben die alle schon eine Frau.“ http://www.spiegel.de/lebenundlernen/job/karrierefrau-mitte-30-single-wenn-ich-maenner-treffe-haben-die-alle-schon-eine-frau-a-1139129.html

⁶ Geborgen wachsen: Die Einsamkeit zu zweit – über die einsamen Mütter https://geborgen-wachsen.de/2015/06/26/die-einsamkeit-zu-zweit-ueber-die-einsamen-muetter/

⁷ Der Tagesspiegel: Soziale Kontakte verlängern das Leben  https://www.tagesspiegel.de/wissen/studie-ueber-einsamkeit-soziale-kontakte-verlaengern-das-leben/1892120.html

⁸ Gesundheitsziele Österreich https://gesundheitsziele-oesterreich.at/10-ziele/

Zum weiteren Vertiefen:

(Bild von kellepics auf pixabay)

Teilen Sie Ihre Gedanken