Spitzenpolitikerin mit Kind – und was hat der Wähler davon?

Können Sie sich vorstellen in einer Gesellschaft ganz ohne Kinder alt zu werden? Ich nicht.

Darum ist mir wichtig, dass Menschen weiterhin Kinder kriegen, und diese Kinder in unserer Gesellschaft gut aufwachsen können. Themen wie Kinderschutz, Bildung und Familienpolitik erachte ich von zentraler Bedeutung. Politik und Gesetzgeber sind in die Pflicht zu nehmen und bleiben für die Schaffung geeigneter Rahmenbedingungen verantwortlich.

Vor dem Hintergrund der anstehenden Wahlen – sowohl in der Schweiz als auch in Deutschland – dünkt es mich deshalb ein guter Moment zu fragen, wie sich unsere Politiker¹ zum Thema Kind und Familie stellen.

Kinder – ein politisches Asset oder ein Stolperstein?

Wohl keinem Politiker oder Anwärter auf ein politisches Amt bleibt die Frage nach Familienstand und eigenem Nachwuchs erspart. Politiker gelten als öffentliche Person.  Wähler erheben Anspruch auf eine umfassende Information, das schliesst Fragen zum Privatleben mit ein. Ich frage mich allerdings, wozu all diese Fragen gut sein sollen. Steckt die implizite Annahme dahinter, dass ein Mensch anders politisiert, wenn er Familie hat?

Die Frage nach eigenen Kindern wird in den Medien noch emotionaler diskutiert, wenn es sich um eine Frau, also Politikerin, handelt. Die hitzige Debatte in Grossbritannien im Jahr 2016 ist ein gutes Beispiel dafür. Damals trafen sich Theresa May, frisch gebackene britische Premierministerin, und Nicola Sturgeon, die schottische Ministerpräsidentin. Während sich beide Politikerinnen noch darüber freuten mit ihrem Treffen positive Signale an junge Mädchen und Frauen auszustrahlen, entbrannte in der Presse und den Sozialen Medien schon eine Diskussion darüber, weshalb beide Frauen kinderlos seien. Das Ende der Geschichte? Sowohl Theresa May als auch Nicola Sturgeon sahen sich schliesslich gemüssigt, die Kinderfrage öffentlich zu beantworten.²

Ob Bundesratskandidatin Karin Keller-Sutter denselben sozialen Druck verspürte, als sie kürzlich in einem Interview erklärte, weshalb sie den Traum einer eigenen Familie aufgegeben hatte?³ Als Frau empfinde ich zwar viel Empathie für ihr Schicksal, frage mich aber gleichzeitig, wozu all diese privaten Details für mich als Bürger oder Wähler von Relevanz sind? Wenn ich mich als Arbeitnehmer auf eine neue Stelle bewerbe, geniesse ich einen umfassenden Daten- und Personenschutz. Gilt dasselbe nicht für Politikerinnen? Rühmen wir uns nicht in einer freien und toleranten Gesellschaft zu leben, in der jede so tun und lassen kann, wie sie es für gut befindet, egal in welchem Zivilstand, egal ob mit keinem oder einem Dutzend Kinder?

Kinderlosigkeit – verbreitet in der Politik

Werfen wir vor diesem Hintergrund einen Blick auf die Fakten:

  • Von den bisherigen sieben weiblichen Schweizer Bundesräten hatte bisher nur eine Einzige Kinder. ⁴
  • Bemerkenswert, dass es ausgerechnet die erste Bundesrätin Elisabeth Kopp aus dem bürgerlichen Lager war, die 1988 infolge eines vermeintlichen politischen Skandals vorzeitig abtreten musste (just for the record: sie wurde in der anschliessenden Untersuchung in allen Punkten rehabilitiert). Da könnte man schon auf die Idee kommen zu fragen, ob dieses Ereignis damals so traumatisch war, dass seither keine andere Schweizer Mutter mehr Bundesrat wurde?
  • Umso schöner, dass von den vier Bundesratskandidatinnen wenigstens Elisabeth Schneider-Schneiter zwei Kinder hat.
  • Weltweit stellen weibliche Staatsoberhäupter immer noch die Minderheit. Die Meisten dieser Wenigen sind kinderlos: So die deutsche Kanzlerin Merkel, oder die oben erwähnten Theresa May und Nicola Sturgeon, ebenso wie Ana Brnabic in Serbien. Auch die Ex-Premierministerin Australiens Julia Gillard oder Südkoreas Präsidentin Park Geun-hye hatten keine Kinder. Doch es gibt Ausnahmen, z.B. Katrin Jakobsdottir, Ministerpräsidentin Islands, Carrie Lam in Hongkong oder Aung San Suu Kyi in Burma. Erwähnt sei auch die neuseeländische Premierministerin Jacinda Ardern, die diesen Sommer als erst zweite Frau weltweit im höchsten Staatsamt ein Kind gekriegt hat (die Erste war die indische Benazir Bhutto in 1990).
  • Grundsätzlich kann festgestellt werden, dass Schweizer Politiker mit durchschnittlich ca. 0,56 Kinder pro Nationalratsmitglied weit unter dem statistischen Durchschnittswert von 1,52 durchschnittlicher Kinderzahl je Frau (2017) liegen. ⁵
  • Die Nationalräte mit den meisten Kindern sind allesamt Männer. Allen voran rangiert der CVP-Politiker Claude Béglé aus dem Kanton Waadt mit 6 Kindern. Weitere acht männliche Nationalräte haben jeweils 5 Kinder, recherchierte der News-Service watson nach den Wahlen 2015 und schrieb: «Der typische Nationalrat ist Jurist, männlich, verheiratet und alt.» ⁶
  • Auch in Deutschland ist Kinderlosigkeit in der Politik verbreitet. Gemäss einer Studie der Hanns-Seidel-Stiftung aus dem Jahr 2015 sind fast ein Drittel aller Abgeordneten kinderlos (– wovon 35 Prozent Frauen und 30 Prozent Männer).⁷

Es stellt sich also in der Politik – genauso wie in der Wirtschaft – die dringende Frage: Lässt sich ein Spitzenamt in der Politik mit einer eigenen Familie überhaupt vereinbaren?

Ein Spielzimmer im Deutschen Bundestag 

Als Senior Executive habe ich am eigenen Leib erlebt, was es bedeutet, gleichzeitig Karriere zu machen und Familie zu haben. Bisher war ich allerdings so naiv zu glauben, dass eine Vereinbarkeit in der Politik einfacher zu bewerkstelligen sei. Mir ist heute klar, dass das ein Trugschluss war. Ein politisches Amt fordert enormen Zeitaufwand, und das nicht nur tagsüber, sondern – oder vielleicht noch mehr – durch Präsenz an unzähligen Abendveranstaltungen. Auf Basis eigener Beobachtung wage ich zu behaupten, dass zum Beispiel ein Kantonsratspräsident jeden zweiten Abend engagiert ist.

Ähnliches berichtet Kristina Schröder – deutsche Ex-Ministerin mit Kind zuständig für Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Kabinett Merkel. Nach ihrer Babypause resümierte sie: «Wie alle berufstätigen Eltern müssen wir Eltern in der Politik uns also entscheiden, was wir verpassen wollen. Und niemand sollte so tun, als könnten noch so gute und flexible Kitas dieses Problem grundsätzlich lösen.» ⁸

Zusammen mit anderen Politikern setzt sich Kristina Schröder heute für bessere  Arbeitsbedingungen in der Politik ein. Erreicht wurden bisher ein Wickel- und Stillraum sowie  ein Spielzimmer mit Kinderbetreuung im deutschen Bundestag, und eine Selbstverpflichtung für einen „politikfreien Sonntag“.

Nach sechs Wochen Mutterschaftsurlaub als Premierministerin macht auch Jacinda Ardern inzwischen „Kinder“ zum Mittelpunkt ihrer Politik und sagt: «Unless there is a culture that accepts that mothers and children are part of our workplaces, we won’t change anything.»9

Aber so weit sind wir noch nicht. Im Gegenteil könnte man fragen, ob es überhaupt vertretbar ist Spitzenpolitiker zu werden, wenn einem wichtig ist ausreichend Zeit mit den eigenen Kindern zu verbringen. Oder im Umkehrschluss verlangen, dass Wähler, Berufsgenossen und nicht zuletzt die Medien ausreichend Toleranz, Verständnis und Fairplay aufbringen, sowie geeignete Arbeitsbedingungen geschaffen werden, damit Politik und Familie tatsächlich guten Gewissens miteinander vereinbart werden können.

Was mich auf direktem Weg zur letzten und vielleicht wichtigsten Frage führt, nämlich …

Machen Eltern familienfreundlichere Politik?

Zur Beantwortung dieser Frage warf ich einen kurzen Blick auf die Politischen Aktivitäten und Vorstösse der vier Bundesrat-Anwärterinnen in der Schweiz:10

  • Als Regierungsrätin und Justizdirektorin legt Heidi Z’graggen das Schwergewicht ihrer Politik auf die Förderung des Kanton Uris und der Zentralschweiz. Angesichts ihres Wahl-Slogans vermute ich, dass dies auch zukünftig ihr Schwerpunkt bleiben wird.11
  • Anders Elisabeth Schneider-Schneiter, die sich 2015 im Rahmen einer CVP-Initiative für steuerliche Erleichterungen für Familien einsetzte. Seither aber beschäftigen sich ihre parlamentarischen Vorstösse hauptsächlich mit der Schweiz als Wirtschaftsstandort.
  • Auch Karin Keller-Sutter’s Vorstösse sind vorwiegend wirtschafts- und regionalpolitisch motiviert. Nicht unerwähnt soll allerdings ihre Motion aus 2012 sein, die einen besseren Schutz von Opfern häuslicher Gewalt zum Ziel hatte.
  • Viola Amherd, ledig und kinderlos, scheint die Einzige zu sein deren Petitionen und parlamentarischen Initiativen regelmässig familiennahe Themen adressieren: Diese reichen von «Cybergrooming» (Schutz von minderjährigen Kindern vor Missbrauch im Internet), über Fragen zur Sicherheit junger Autofahrer, Tabakkonsum von Jugendlichen und Kindern bis hin zu einer Interpellation, die eine Förderung der politischen Bildung an Schulen fordert.

Natürlich bin ich nicht die Erste, die frägt, ob Eltern eine andere Politik betreiben als kinderlose Menschen. So kam eine deutsche Untersuchung kürzlich zum Schluss, dass sich keinerlei Gesetzmässigkeiten ableiten lassen. Dies wird untermauert durch etliche konkrete Beispiele: Der Mutterschaftsurlaub und das Recht auf einen Kinderbetreuungsplatz wurden in Deutschland beispielsweise von „kinderlosen“ Politikern eingeführt. Jahre später beschloss hingegen Ursula von der Leyen, bekanntlich siebenfache Mutter, das Bundeselterngeld und Elternzeitgesetz.12

Wie also Viola Amherd gerade in der Schweiz demonstriert können kinderlose Politiker durchaus familienfreundliche Politik machen – und das Gleiche gilt in umgekehrter Weise. Klare Kausalitäten lassen sich nicht erkennen.

Das Fazit aus all dem? 

Der Job des Politikers scheint grundsätzlich nicht familienfreundlich zu sein. Grund sind vor allem die langen und unregelmässigen Präsenzzeiten. Das ist eine besondere Herausforderung für Spitzenpolitikerinnen, von denen es weltweit sowieso nicht viele gibt. Umso mehr stehen sie unter kritischer Beobachtung der Öffentlichkeit: Haben sie Kinder wird hinterfragt, wie und ob sie Familie und ihr Amt unter einen Hut bringen. Sind sie kinderlos, müssen sie sich rechtfertigen.

Es lassen sich keine eindeutigen Rückschlüsse ziehen, ob Politiker mit eigenen Kindern eher geneigt sind wichtige Themen für Familien aufzugreifen. Eines ist allerdings gewiss und haben eine deutsche Ministerin sowie die neuseeländische Premierministerin erst vor Kurzem bewiesen: Hat eine Politikerin erstmal am eigenen Leib erfahren, was es heisst im Amt ein Kind zu kriegen, steht eine familienfreundliche Politik – in welcher Hinsicht auch immer – urplötzlich ganz oben auf ihrer Agenda.

Hier, wie vielerorts anders auch, scheint also zu gelten: Erst wenn ich den Schmerz am eigenen Leib spüre, bin ich bereit etwas zu ändern.

 

 

Bemerkungen und Literaturnachweise:

¹ In diesem Blog verwende ich den Begriff Politiker im Sinne einer Berufsbezeichnung für beide Geschlechter, also die weibliche wie den männlichen PolitikerIn. Die meisten Aussagen gelten ohnehin für beide Geschlechter. Dort, wo ich explizit nur die weibliche Form, die Politikerin, meine, ist das entsprechend so ausgedrückt.

² & ⁷ Welt am Sonntag – Forpflanzung: Mangelhaft https://www.franziska-brantner.eu/wp-content/uploads/2016/09/ElterninderPolitik_12092016.pdf

³ Schweizer Illustrierte: Bundesrats-Kandidatin Karin Keller-Sutter ganz privat https://www.schweizer-illustrierte.ch/stars/schweiz/karin-keller-sutter-staenderatspraesidentin-ist-parat-fuer-den-bundesrat-moegliche-nachfolge-von-johann-schneider-ammann

⁴ Der Bundesrat – Das Portal der Schweizer Regierung: Frauen im Bundesrat seit 1984  https://www.admin.ch/gov/de/start/bundesrat/geschichte-des-bundesrats/frauen-im-bundesrat.html

⁵ Bundesamt für Statistik https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/bevoelkerung/geburten-todesfaelle/fruchtbarkeit.assetdetail.6046485.html

⁶ watson – Der typische Nationalrat ist Jurist, männlich, verheiratet und alt – das neue Parlament in Zahlen https://www.watson.ch/schweiz/wahlen%202015/397009471-jurist-maennlich-verheiratet-alt-das-ist-der-neue-nationalrat-in-zahlen

⁸ Der Tagesspiegel: Kristina Schröder: „Das hat mir geschadet“ https://www.tagesspiegel.de/zeit-als-ministerin-mit-kind-kristina-schroeder-das-hat-mir-geschadet/19673134.html

9  Mashable: New Zealand Prime Minister Jacinda Ardern is putting children first https://mashable.com/article/jacinda-ardern-prime-minister-new-zealand/#B41K2D72egqr

10 Die Bundesversammlung – Das Schweizerische Parlament https://www.parlament.ch/de

11 Blick Gipfelstürmerin Heidi Z’graggen https://www.blick.ch/news/politik/bundesrat/beerbt-urner-justizdirektorin-leuthard-gipfelstuermerin-heidi-z-graggen-id8975547.html

12  OpenEdition: Eine besondere Art der Kinderarmut – die der Politiker https://kinder.hypotheses.org/1530

 

(Bild von Joakim Honkasalo auf Unsplash)

 

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