Mit Wut zu mehr Respekt!

Wut ist die Vorstufe zum Kampf. Wut ist eine natürliche Reaktion auf negative Ereignisse und Hindernisse. Wut mobilisiert Energie, um in einen Konflikt zu gehen. Kampf ist heutzutage allerdings oft unerwünscht, besonders physischer, und sowieso im Geschäftsleben. Trotz einiger Lebenserfahrung kann ich mich an kaum eine Frau erinnern, die offene Wut gezeigt hat. Eine Geschäftsfrau schon gar nicht. Traurige und enttäuschte Frauen habe ich hingegen viele getroffen.

Wut gehört sich nicht

Anlass für diesen Beitrag ist ein Artikel eines befreundeten Coaches zum Thema Wut (https://denkbaer.com/about/). Er diskutiert darin inwiefern ein Klient in einem Coaching dazu ermuntert werden soll seine Wut an einem Stuhl auszulassen. Mein Kollege unterscheidet nicht zwischen Frauen und Männern. Auch in diesem Blog-Beitrag gilt vieles für beide Geschlechter. Dennoch, beim Lesen seines Artikels ist mir klar geworden: Die gesellschaftliche Nicht-Akzeptanz von Wut hat insbesondere bei Frauen weit reichende Konsequenzen. In der Erziehung und durch die Sozialisation wird Mädchen früh beigebracht, dass sich Wut nicht gehört. Wut wird deshalb (mehr oder weniger erfolgreich) unterdrückt. Das wirkt sich nicht nur auf das eigene Empfinden und Erleben der Mädchen bzw. später Frauen aus. Es beeinflusst auch ihre Eigen- und Fremdwahrnehmung, und die Erfolgschancen eigene Anliegen gegen Widerstand zu vertreten.

Wut ist nicht gleich Gewalt

Beim Gedanken an Wut wird vielfach ein direkter negativer Rückschluss auf Gewalt gemacht. Wut kann bei ungünstigen Verhältnissen zu psychischer oder gar physischer Gewalt führen, die – und daran möchte ich keinerlei Zweifel lassen – es zu verhindern gilt. Wut im Beisein einer Person, der man vertraut, mit der man in intensivem emotionalem Kontakt ist, und die einen so zu nehmen weiss, wie man ist, kann aber auch zu Gefühlen von innerer Befreiung und letztlich sogar Freude führen. Ich habe das selbst erlebt: Es ist die Freude darüber seinem Ärger Luft gemacht zu haben (ohne dass dabei jemand oder etwas zu Schaden kommt). Endlich wieder freier atmen zu können. Die Freude seine Gefühle ernst genommen zu haben, und die Lust an so viel eigener (und neu entdeckter) Kraft. Darum ist es nicht einmal so selten, dass einem Wutausbruch tiefe Erleichterung und ein herzliches Lachen folgen.

Wut ist eine Basisemotion

Die Wut wird dann zum Problem, wenn sie nicht zum Ausdruck kommen darf. Denn Wut ist eine von nur ganz wenigen Grundgefühlen oder Basisemotionen der menschlichen Existenz (je nach Wissenschaftsrichtung werden bis zu neun Basis-Emotionen unterschieden, als da wären: Freude, Furcht, Traurigkeit, Ekel, Scham, Wut, Interesse-Neugier, Überraschung, Schuld). Eine Basisemotion zeichnet sich dadurch aus, dass sie in allen Kulturen gleichermassen anzutreffen ist und dementsprechend mit einem universellen Ausdrucksverhalten verknüpft ist (z.B. Lachen, Weinen, Augenbrauen zusammenkneifen, etc.). Basisemotionen sind im Verlauf der Evolution natürlich entstanden, und können auch bei anderen Primatenarten (nicht nur beim Menschen) beobachtet werden.

Auch Affen drohen

Wut ist eine natürlich Reaktion auf ein Hindernis und etwas Negatives. Auf etwas, das einem nicht passt und gegen den Strich geht, das aversiv, vielleicht auch unfair ist. Wer Wut zeigt, sendet die Botschaft aus: «Get out of my way!» Er droht seinem Gegenüber. Wer hat im Zoo oder einem Tierfilm nicht schon einen Affen dabei beobachtet wie er einem Rivalen, der ihm eine Banane oder das Weibchen streitig macht, drohte? Mit solchen Drohgebärden wird gezeigt, wer der Chef ist. Es ist ein unmissverständlicher Befehl: «Hau ab! Das gehört mir! Da habe ich das Sagen!» Im Tierreich reicht oft eine Drohgebärde aus, damit der Andere von Dannen zieht. Im Geschäftsleben übrigens auch.

Traurigkeit anstelle von Wut

Und genau das ist es, worauf ich hinaus will: Wenn uns schon als kleines Mädchen beigebracht wird, dass es nicht schicklich ist Wut zu zeigen, wie sollen wir uns dann als erwachsene Frauen erfolgreich zur Wehr setzen? Wenn wir nicht erlebt haben, dass Wut ein legitimes Gefühl ist, das wir auch zeigen dürfen ohne dafür gerügt zu werden, oder uns schämen zu müssen, dann wird uns das auch später in der Welt nicht gelingen. Gerade Mädchen lernen in der Folge ihre Wut als Traurigkeit zu «maskieren». Denn Traurigkeit ist sozial akzeptabel. Es wirkt verletzbar. Es weckt Mitgefühl beim Gegenüber. Klar ist jedoch Allen: Wer sich so verletzbar zeigt, wird kaum angreifen. Man(n) weiss: «Vor Der brauche ich keine Angst zu haben.» Traurigkeit hilft nicht den Gegner in seine Schranken zu weisen, und zu seinem Recht zu kommen.

Das Fatale: Wer dauerhaft seine Wut durch Traurigkeit ersetzt, wird sie irgendwann gar nicht mehr als Wut erkennen können. Das Gefühl des Ärgers wird fortan verwechselt mit Traurigkeit. Deshalb ist es nicht erstaunlich, dass Mädchen/junge Frauen häufiger unter psychischen Problemen leiden als Jungen, und sich häufiger selbst verletzen. Auto-Aggression nennt man das auch – die Wut richtet sich gegen einen selbst.¹

Wut zielt auf die Gegenwart

Strömungen wie Feminismus, die #MeToo-Debatte, auch «Black Lives Matter» sind aus der Wut heraus entstanden: «So kann es nicht weiter gehen!» Das ist richtig so. Denn: Wut bezieht sich auf die Herausforderungen in der Gegenwart. Demgegenüber ist Traurigkeit eine Reaktion auf Erlebnisse der Vergangenheit. So könnte man argumentieren, dass es nur folgerichtig ist, wenn Mädchen und Frauen traurig werden, wenn sie mit ihrer Wut nie und nirgendwo landen dürfen.

Zielgerichteter und produktiver ist es allerdings, Kräfte zu mobilisieren, alle möglichen und unmöglichen Befürchtungen über den Haufen zu schmeissen, um ab sofort mit Wut auf negative Erlebnisse zu reagieren. Im Hier und jetzt können wir Dinge schliesslich beeinflussen und verändern. Später ist es zu spät. Es bleibt tatsächlich nur die Traurigkeit.      

Der Mutigen gehört die Welt

Dabei stellt sich natürlich trotzdem die Frage nach der sozialen Akzeptanz. In einer Geschäftswelt in der sich selbst gestandene und fest im Sattel sitzende Manager davor fürchten «ein mü» mehr Emotion zu zeigen, bleibt es schwer Wut angemessen auszudrücken. Eine zornige Stimme, ein hochroter Kopf, ein Kraftausdruck, ein kräftiger Faustschlag auf den Tisch – nicht zu denken an ein Buch, das durch’s Zimmer fliegen könnte – erregen Aufmerksamkeit, vielleicht auch Angst. So viel Gefühl sind wir uns nicht gewohnt. Schade eigentlich. Denn damit nehmen wir uns Lebendigkeit, Authentizität und Spontanität. Wir schränken Selbstausdruck, Mimik und unser gesamtes Verhaltensrepertoire ein. Wir verkommen zu Masken unserer selbst. Eine Konsequenz ist auch, dass unsere Mitmenschen (Mitarbeiter, Kollegen, Chefs, Lebenspartner, etc.) bestenfalls erahnen können –  wenn sie denn überhaupt wollen – wie es uns wirklich geht. Ganz besonders aber verteidigen wir unsere Rechte und Territorien zu wenig. Wir zeigen keine Zähne. Da ist es nur wahrscheinlich, dass sich Konkurrenten und Widersacher ermutigt fühlen.  

Deshalb lohnt es darüber nachzudenken. Wie heisst es doch so schön: Der Mutigen gehört die Welt! Ich meine, wir sollten wieder lernen unseren wahren Gefühlen zu vertrauen, und ihnen (ab und zu) ihren freien Lauf lassen. Es muss ja nicht gleich ein kaputter Stuhl oder ein fliegendes Buch werden. Das macht uns menschlich. Es macht uns greifbarer für unsere Mitmenschen. Die Chancen stehen nicht schlecht, dass es auch zu mehr Respekt führt.

Wenn Ihnen das heute noch zu viel ist, oder falls Sie erst üben möchten: Es kann schon helfen in den nächsten Wald zu gehen, um dort erstmal mit aller Kraft einen einsamen Baum anzuschreien.      

Quellen/Literaturempfehlungen:

¹ Studie: Mädchen sind häufiger depressiv als Jungen – Welt https://www.welt.de/wissenschaft/article8541554/Maedchen-sind-haeufiger-depressiv-als-Jungen.html

Ist es radikal, wütend zu sein? – SZ-Magazin Süddeutsche Zeitung https://sz-magazin.sueddeutsche.de/freie-radikale-die-ideenkolumne/wut-feminismus-88440

(Eigenes Bild: Die Wut umarmen)

2 Kommentare

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Katharina Wissmannantworten
16. Juni 2020 at 7:16

Ich stimme deinen Gedanken voll zu. Danke für den schönen Beitrag.
Für mich hat die Wut noch eine weitere Qualität. Sie ist letztendlich eine Handlungsenergie und bringt etwas in Bewegung.
Sie hilft uns den Alltag zu bewältigen. Wir brauchen Wutenergie um Stopp sagen zu können, Grenzen zu setzten, Entscheidungen zu treffen, klare 

Ziele zu haben
und vieles mehr.
Meist nehmen wir sie erst wahr, wenn die Wut im roten Bereich ist. Da greifen dann die Mechanismen sie wegzudrücken und uns zu verurteilen.

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Claudia Göldiantworten
17. Juni 2020 at 13:18
– In reply to: Katharina Wissmann

Vielen Dank, liebe Katharina, für Deinen weisen und sehr treffenden Kommentar!

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