Meine neuen 11 Rollen in meinem Leben

Wie viele Rollen haben Sie in Ihrem Leben?

Kürzlich habe ich gelesen, dass eine «normale» Frau bis zu 11 unterschiedliche Rollen gleichzeitig lebt. Auch nach mehrmaligem Zählen bin ich nicht auf so viele Rollen in meinem eigenen Leben gekommen. Doch es ist schon richtig: auch ich bin mehr als nur Frau. Ich bin Ehefrau und Partnerin. Ich bin Mutter aus dem Blickwinkel meiner zwei Teenie-Kids. Geschäftsfrau und Spezialistin für meine Kunden.

Und natürlich bekleide ich – wie die meisten von uns – eine ganze Reihe von Nebenrollen als Tochter, Schwester und Freundin. Auch einige Rollen, die ich nicht besonders mag: gründliche Haushälterin und fleissige Wäscherin, tägliche Köchin, zuverlässiger Fahrdienst oder „Unkrautjäterin“ in meinem Garten. Grundsätzlich habe ich mit all diesen verschiedenen Rollen ja überhaupt kein Problem. Die Sache ist nur die: Manchmal ist es eine echte Herausforderung sie alle gleichzeitig unter einen Hut zu bringen. Ich kann mir üblicherweise auch nicht aussuchen, welche Rolle ich gerade gerne spielen möchte. Ganz im Gegenteil: es ist so, dass meine Umwelt mir auf-diktiert, welche Rolle gerade von mir erwartet wird. In die schlüpfe ich dann, schnell, flexibel, möglichst reibungslos, und versuche sie gekonnt auszufüllen.

Das sieht dann ungefähr so aus: ich sitze zuhause an meinem Schreibtisch und arbeite. Der Sohn kommt nach Hause und berichtet von einer missratenen Prüfung. Die Mutter in mir hört zu und versucht zu verstehen, was schief gelaufen ist. Sohn schliesst mit dem Satz, dass er jetzt Hunger hat. Fragt, wann es Abendessen gibt. Also klappe ich meinen Laptop zu, und die Köchin marschiert an den Herd. Bevor das Schnitzel in der Pfanne brutzelt, klingelt das Telefon. Ein Geschäftspartner ruft mit einer dringenden Frage an. Die Geschäftsfrau in mir verhandelt souverän am Telefon, währenddessen die Köchin mit der anderen Hand die Tomaten im Kühlschrank sucht. Zwischenzeitlich steht nun auch der Ehemann in der Küche. Er könne sein Jacket im Schrank nicht finden, klar, ich habe es heute früh zur Reinigung gebracht. Während ich ihm das erkläre, läuft die Tochter in voller „Ausgangsmontur“ an der Küche vorbei. Die Mutter in mir ruft ihr nach und will wissen, wo es denn hingehe, … – so läuft das tagein tagaus. Kommt Ihnen das bekannt vor?

Fokussieren bedeutet immer ein Stück weit das Vernachlässigen einer anderen Rolle

Ich frage mich: Geht das eigentlich nur uns Frauen so – oder kennen das Männer auch? Natürlich gibt es Männer, die hin- und herspringen zwischen Geschäftswelt und ihrer Rolle als Vater. Mein Mann und mein Bruder zum Beispiel. Aber die Mehrheit der Männer fokussieren sich sehr auf ihre Rolle als Geschäftsmann. Noch viel zu wenig Ehemänner und Väter helfen meiner Erfahrung nach tatkräftig im Haushalt mit. Oder wie viele Männer kennen Sie, die zuhause regelmässig kochen, waschen und bügeln?

Nachdem wir berufstätigen Frauen also von unseren Männern häufig keine ausreichend konsequente und dauerhafte Unterstützung im Haushalt und beim Kindererziehen abverlangen bzw. erhalten, versuchen wir selbst Weltmeister in all diesen verschiedenen Rollen zu werden. Wir fühlen uns verpflichtet, oder gar dazu verdonnert, ständig alle Bälle gleichzeitig in der Luft zu balancieren. Meist mit mässigem Erfolg. Und es ist anstrengend. Eigentlich unmöglich alle Rollen gleichzeitig, gleich gut auszufüllen. Deshalb machen wir Abstriche, aber oft nicht ausreichend, oder konsequent genug. Das bedeutet in der Realität, dass wir uns über einen gewissen Zeitraum hinweg auf eine spezifische Rolle konzentrieren: Als die Kinder klein waren, stand bei mir die Mutterrolle im Vordergrund; später, in meiner Funktion als Leiterin der Niederlassung in Japan, richtete ich meinen Fokus auf die Geschäftsfrau.

Die Fokussierung auf eine spezifische Rolle bedeutet aber gleichzeitig die Vernachlässigung einer anderen. Die Konsequenz daraus ist dann oft ein schlechtes Gewissen und Unzufriedenheit: „Hätte ich mehr Zeit (und Energie) gehabt, hätte ich mit meiner Tochter mehr Französisch üben können. Dann wäre ihre Prüfung besser ausgefallen.“  Oder umgekehrt: „Hätte ich mein Kind nicht von der Schule/Hort abholen müssen, hätten wir die Kundenanfrage noch im Team diskutieren können, und vielleicht schon eine Lösung gefunden. Hoffentlich sind wir nun nicht zu spät, und verlieren den Auftrag an die Konkurrenz …“

Wer erfüllt unsere eigenen Bedürfnisse?

Wir wissen alle: Derartige Selbstvorwürfe und Schuldgefühle helfen nicht. Im Gegenteil: Sie rauben uns zusätzlich wertvolle Energie. Viel wirkungsvoller ist es, unsere überhöhten Ansprüche abzulegen, um stattdessen unsere eigenen Bedürfnisse ernst zu nehmen und zu erfüllen.

Darum habe ich mir ab sofort diese neuen 11 Rollen „auferlegt“:

  1. Die Langschläferin: Am Samstag und Sonntagmorgen ab und zu ausschlafen und die Kinder zum Bäcker schicken.
  2. Die Sportlerin: Lieber mal Joggen oder ins Fitness gehen anstatt zuhause putzen und waschen. Ein bisschen Staub und Krümel auf dem Boden tun nicht weh, und die Familie kann auch eine Woche länger in benutzten Bettlaken schlafen.
  3. Die Geniesserin: Abends an den Tisch sitzen und mich von meinem Ehemann bekochen lassen.
  4. Die Delegierende: Spezifische Hausarbeiten permanent an Partner, Kinder oder Externe abgeben.
  5. Die Liebhaberin: Die Kinder zu den Grosseltern bringen und ein Wochenende nur zu zweit verbringen.
  6. Die Wellnesserin: Sich zusammen mit einer Freundin in einem Luxus-Retreat verwöhnen lassen.
  7. Die Kranke: Endlich mal eine Grippe ganz auskurieren und zuhause im Bett bleiben.
  8. Die Sensible: Mehr auf meine innere Stimme hören, und was sie mir rät.
  9. Die Kommunikatorin: Endlich lernen, die eigenen Bedürfnisse klar und deutlich zu artikulieren.
  10. Die Konsequente: Meine Anliegen nachhaltiger durchsetzen, und die Konsequenzen für die Anderen aushalten können.

Und vielleicht die wichtigste Rolle von allen:

  1. Die Entspannte: Einfach mal die «Fünfe gerade sein lassen» und nicht von meiner Umwelt erwarten, dass sie alles so erledigen wie ich es gerne hätte.

Probieren Sie es aus! Viel Spass in Ihren neuen 11 Rollen, und lassen Sie mich wissen wie es Ihnen damit ergeht.

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