Schönheit – und das Paradox unseres Tuns

Wir essen biologisch, aber spritzen uns Botox ins Gesicht, um jung auszusehen. Auf natürliche Materialien legen wir bei Kleidern oder in Design und Innenarchitektur viel Wert, unserer eigenen Natürlichkeit hingegen stehen wir kritisch gegenüber. Stattdessen legen wir uns unters Messer. Schönheitsoperationen boomen. Wir sprechen von inneren Werten, und dass Schönheit von innen kommt, aber wir photoshoppen unsere Instagram- und Facebook-Bilder, um möglichst gut auszusehen. Ist das nicht alles paradox? Was ist denn eigentlich Schönheit? Weshalb ist sie uns so wichtig?

 

Weshalb Männer Jugendlichkeit bevorzugen

Über Schönheit lässt sich bekanntlich streiten. Man sagt auch Geschmäcker sind verschieden. Sie sind zudem der Mode unterworfen. Soziologen sagen, dass Geschmack ein Produkt von Erziehung und Gewohnheit sei. Trotzdem fanden Evolutionsbiologen heraus, dass es einige „Merkmale im Aussehen“ gibt, die universellen Charakter haben: Dazu gehört zum Beispiel, dass alle Menschen symmetrische Wesenszüge bevorzugen. Denn Asymmetrie ist häufig ein Indikator für Krankheiten und andere biologische Defizite. Genauso gelten klare und makellose Haut, oder volle Lippen, als  Zeichen von Gesundheit. Nachdem wir Frauen in Bezug auf unsere Fruchtbarkeit ein natürliches „Verfalldatum“ haben, sind Männer von Natur aus auf Jugendlichkeit programmiert. Ein niedriges Taille-Hüfte-Verhältnis deutet zudem auf optimale Gebärfähigkeit hin, und ist deshalb ein universelles Schönheitsmerkmal, das sich quer über alle Kulturen und Zeiten wiederfindet¹).

Die Evolution hat demnach über den Schöhnheitssinn dafür gesorgt, dass wir nicht aussterben. Und dafür, dass sich vorwiegend die gesündesten und jüngsten Exemplare fortpflanzen. Das gilt für alle Spezien dieser Erde; wir Menschen sind darin keine Ausnahme.

Da denke ich mir: Nun verstehe ich endlich, weshalb mein Mann jungen und gut aussehenden Frauen nachschaut. Er folgt nur seiner Natur, jedes andere Verhalten würde seinem biologischen Fortpflanzungstrieb widersprechen! Paradox nur, dass er gar keine Kinder will…

 

Weshalb Frauen ihre Attraktivität erhöhen

Spass beiseite: Interessant ist, dass auch viele Frauen keine Kinder (mehr) wünschen, jedoch trotzdem mehr Wert denn je auf ihr Aussehen legen. Das belegen die Zahlen der International Society of Aesthetic Plastic Surgery: Sie verzeichnet einen drastischen Anstieg von mehreren Millionen Schönheitsoperationen pro Jahr. Das gilt für die ganze Welt, wobei die Griechen Schönheits-OP-Weltmeister sind. Aphrodite hat hier wohl ihre Finger im Spiel …²)

Es lässt sich also schlussfolgern, dass wir Menschen nach wie vor durch Urtriebe gesteuert werden. Mit anderen Worten: Auch dann, wenn ich mich nicht fortpflanzen will, treibt mich die Natur dazu meine Attraktivität zu maximieren, um mir einen möglichst potenten Partner zu sichern.

Gleichzeitig hegen wir jedoch – und da bin ich bestimmt keine Ausnahme – den innigen Seelenwunsch nicht nur wegen unseres Äusseren, sondern als ganzer Mensch geliebt zu werden. Schönheit kann zwar bis zu einem gewissen Grade gekauft werden, trotzdem sind innere Werte auf die Dauer mindestens so wichtig: Echtheit, Wahrheit, Authentizität, und nicht zuletzt auch der Wunsch, erinnert zu werden. Nicht nur Schönheit und Jugendlichkeit boomen deshalb, sondern genauso Einzigartigkeit und Individualität. Wir spüren: Nur schön sein, ist auf die Dauer langweilig.

 

Weshalb GNTM auf Einzigartikeit setzt

Meines Erachtens zeigen das auch Sendungen wie GNTM: Schon alleine bei der Auswahl der Mädchen wird auf ein guter Mix von äusserlichen Merkmalen wert gelegt (Haut- und Haarfarbe, Grösse, Statur, Gender, etc.) Mindestens so wichtig, um der Sendung Spice und gute Stories zu geben, sind die unterschiedlichen Charaktere: Da kommt die „Verrücktheit“ einer Klaudia gerade recht, und wird immer wieder aufs Neue inszeniert und gefeiert. Ihre Aussage in einer der Folgen: «Ich möchte einfach nur schön sein, und nicht anders», trifft genau diesen Zeitgeist, und damit ins Herz des Zuschauers. Ich meine sogar, dass gerade diese Aussage – unter Tränen wohlgemerkt – die Relevanz innerer Werte in Erinnerung ruft, und dieses Bewusstsein Klaudia in den Augen der Zuschauer zu einer (noch) „schöneren“ Person macht. Das Ganze gipfelt darin, dass Klaudia zwar nicht Topmodel gewinnt, dafür den Best Personality Award erhält. Und nicht zu vernachlässigen: Man erinnert sich an sie, während viele andere der diesjährigen Teilnehmerinnen schon längst vergessen sind.  Klaudia – die Einzigartige. (³)

Dem bleibt nur noch hinzuzufügen: Wenn Schönheit sogar in GNTM nicht nur eine Funktion der Summe aller Äusserlichkeiten ist, dann gilt das erst recht für unser tägliches Leben. Bleiben wir uns deshalb selbst treu! Bauen wir auf unsere inneren Werte, glauben an unsere einzigartige Persönlichkeit und Geschichte, und arbeiten an unserem Selbstbewusstsein! Die Schönheit kommt dann von ganz alleine.

 

Zum Nachlesen:

(¹) Beauty is in the eyes of the beholder – von David M. Buss auf Edge.org
(²) Welches Land korrigiert was am meisten? 10 Grafiken über den Boom bei Schönheits-OP auf watson
(³) GNTM auf ProSieben – Personality Award 

 

(Bild: kaboompics)

 

 

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