Frauen dürfen scheitern

Ich bin der Meinung: Echte Gleichberechtigung haben wir erst dann erreicht, wenn Frauen in Führungspositionen scheitern dürfen, ohne dass dies in den Medien und der Öffentlichkeit hoch gespielt und zum Thema gemacht wird. Denn ich kenne eine ganze Menge männlicher Top-Manager, die nicht reüssierten. Dennoch stellt keiner die Grundsatzfrage, ob Männer überhaupt für Spitzenpositionen geeignet seien.

Nach Scheitern eines Mannes nur Frauen in der Führung

Die erste Frau in Spitzenposition an deren öffentliches Scheitern ich mich erinnern kann, ist Elisabeth Kopp, die erste Frau im Schweizer Bundesrat. Ein politischer Skandal in welchem ihrem Mann erst Steuerhinterziehung, dann Verwicklung in Geldwäschereigeschäfte vorgeworfen wurde, führte zur vorzeitigen Beendigung ihrer Amtszeit. Die Vorwürfe stellten sich im Nachhinein als nicht haltbar heraus. Aber da war der Schaden schon angerichtet, und Frau Kopp wurde jahrelang als «Persona non grata» behandelt. Damit nicht genug: Ich kann mich bestens daran erinnern, wie Frau Kopp explizit oder implizit als Beispiel zitiert wurde, warum es besser sei Frauen von hohen Politik- und Wirtschaftsposten fern zu halten.

Ähnliche Argumentationsweisen kann man in Unternehmen beobachten: Weibliche Talente werden – nicht selten im Zuge von Diversity überraschend rasch – in Spitzenpositionen katapultiert, wo sie dann manchmal scheitern. In der Folge wird entweder argumentiert, dass «man ja den guten Willen bekundet, es aber leider nicht geklappt habe, und deshalb nur Männer in der Führungsetage sässen». Oder aber die  Underperformance dieser Frauen wird als Begründung hergezogen, weshalb es eben schwierig sei mit der Frauenförderung.

Drehte man den Spiess um könnte man genauso gut argumentieren, dass das Scheitern eines einzigen Mannes ausreicht, um die komplette Führungsmannschaft durch Frauen zu ersetzen. Komischerweise ist mir das aber noch nie unter gekommen … oder haben Sie davon schon einmal gehört?

Durch Scheitern lernen

Was wir zu oft vergessen: Etliche Untersuchungen und Artikel (¹) weisen darauf hin, dass der Mensch durch Scheitern lernen kann. Beweis könnte auch unsere eigene Lebensgeschichte sein: Wir hätten alle das Laufen nie gelernt, wären wir als Kind nicht immer wieder aufgestanden, nachdem wir hingefallen waren. Wieder aufstehen, nochmals versuchen und niemals aufgeben bringt uns alle weiter!

Auch die Geschichte zeigt, dass viele erfolgreiche Gründer und Top-Manager erst scheiterten bevor sie ihre beruflichen Ziele erreichten. Dazu gehört der Gründer von Starbucks genauso wie Jeff Bezos und Bill Gates. Henry Ford ging fünfmal pleite, bevor er mit seiner Autofabrik weltweit Erfolg erzielte. Auch Steve Job’s Computer namens Lisa war ein wirtschaftlicher Misserfolg. Charles Darwin gab eine Karriere in der Medizin auf, und Winston Churchill blieb in der sechsten Klasse sitzen.

Den Misserfolg selbst herbei pogrammieren

Warum nur lassen wir Frauen uns dann stets so aus der Fassung bringen, wenn uns einmal etwas nicht gelingt? Oder noch schlimmer: Wir fürchten schon im vornherein, dass wir nicht gut genug sein könnten. Wir  versuchen es gar nicht erst, oder brechen mittendrin ab und treten den Rückzug an. Wir verstecken uns – hinter den Männern – wenn wir doch die gleich gute Ausbildung und Voraussetzungen haben?! Wir fürchten Fehler und Misserfolge wie der Teufel das Weihwasser. Das Fatale ist, dass man es uns oft auch noch anmerkt: Damit verlieren wir an Wirkung, Überzeugungs- und Durchschlagskraft. Denn die Umgebung reagiert darauf, d.h. wird forscher, kritischer und selbstsicherer, was uns im Gegenzug noch mehr verunsichert. Eine klassische self-fulfilling prophecy: Wir programmieren uns den Misserfolg quasi selbst herbei.       

Die Abwertungsspirale dreht sich weiter

Sollte uns dann tatsächlich ein Missgeschick passieren, meinen wir nicht selten total versagt zu haben. Wir deklarieren es als Gesichtsverlust auf voller Front, und schämen uns dafür. Es kommt noch schlimmer: Wir sind nicht spärlich mit Selbstkritik, und so dreht sich die Abwertungsspirale weiter. Erst werfen wir uns vor dumm genug gewesen zu sein einen Fehler zu machen, um uns danach dafür zu kritisieren, dass wir uns selbst schlecht machen. Wir nehmen uns vor noch perfekter zu werden, uns noch mehr anzustrengen und aufzupassen. Wir setzen uns innerlich unter Druck und treiben uns an.

Über all diesen Druck – den eigenen inneren, und die vermeintlichen externen Erwartungen – kriegen wir es mit der Angst zu tun. Angst, das nächste Mal erst recht zu versagen. Angst aber ist ein schlechter Lehrmeister.

Viel besser wäre es Ruhe zu bewahren, und unsere gesamte Energie und Aufmerksamkeit darauf zu verwenden, das Geschehene nüchtern zu analysieren und für die Zukunft zu lernen. (Alternativ können wir die Energie darauf verwenden die Spuren des Scheiterns zu verwischen, zu überspielen und dafür zu sorgen, trotz Missgeschick gut dazustehen. Ein Verhalten, das ich oft bei Männern beobachtete – nicht zielführend im Sinne von «aus Fehlern lernen», aber offensichtlich erfolgsversprechender als sich selbst in Schutt und Asche zu legen …)

Die Messlatte für Frauen liegt höher

Frauen tendieren aber nicht nur dazu sich selbst übermässig zu hinterfragen und kritisieren. Sie sind auch erstaunlich oft dabei andere Frauen abzuwerten, wenn diese einen Fehler gemacht haben. In meinem Beitrag «Was Frauen von Bienen lernen können» habe ich bereits ausgeführt, wie kontraproduktiv das für uns alle wirkt.

Ich sehe das so: Infolge der historischen Unausgewogenheit der Geschlechter auf Führungslevel schaffen es nur die Besten aller besten Frauen nach oben. Wir haben uns deshalb daran gewöhnt, dass auf diesen Positionen nur Top-Kandidatinnen mit höchsten Qualifikationen, viel Ehrgeiz und Durchhaltevermögen sitzen. Entsprechend hoch ist die Messlatte – meist einen (oder mehrere) Ticks höher als an einen Mann auf gleicher Position. Währenddessen wir uns über Jahrhunderte daran gewöhnt haben, dass es hin und wieder Männer gibt, die Projekte in den Sand setzen, richten wir deshalb bei einer Frau viel schärfer. Aufgrund der überhöhten Erwartungen haben es diese Frauen besonders schwer, und werden ihnen Fehler weniger verziehen. Leider auch von Frauen, obwohl wir es doch eigentlich besser wissen und uns solidarisch zeigen sollten.

Denn wir wissen doch Alle: Niemand muss und kann immer perfekt sein, und alles richtig machen. Das wäre ja unmenschlich. Was mich an den Anfang zurückführt, und weshalb ich dafür plädiere: Auch Frauen dürfen scheitern!

Inclusion und Menschlichkeit untrennbar miteinander verbunden

Tatsächliche Gleichberechtigung und Inclusion haben wir deshalb erst dann erreicht, wenn beide Geschlechter menschlich sein dürfen und gleichermassen Fehler machen können. Und zwar: Ohne dass jedes Mal die «Sache der Frau» und ihr Selbstverständnis Schaden nimmt. Dann käme es auch öfters vor, dass eine weniger erfolgreiche Frau an anderer Stelle – und oft in einem anderen Unternehmen – wieder auftaucht. So wie das männliche Top-Manager schon seit langem tun… und nicht wie Elisabeth Kopp, die nach vermeintlichem Fehler ihres Mannes für immer in der Versenkung verschwunden ist.

Darüber hinaus: Es geht mir nicht nur ums Scheitern. Das ist nur ein Beispiel. Frauen dürfen auch einmal inkompetent sein, oder nachlässig, oder uninformiert, oder … Denn es ist nicht so, als ob ich bisher überall und immer nur kompetente und fleissige Männer angetroffen hätte. Aber das ist eine andere Sache, und wahrhaftige Management-Aufgabe.

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(¹) Steffen Kirchner Blog: 15 prominente Beweise, dass Scheitern die Vorstufe des Erfolgs ist.

Companisto: 10 Entrepreneure, die vor ihrem Erfolg so richtig scheiterten

zukunftsInstitut: Der Weg zum Erfolg? Scheitern!

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(Eigenes Bild: Ein Sommertag an der Zürcher Limmat)

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