Flugzeuge statt Kinderbetreuung

Vor Kurzem hat der Bundesrat entschieden die Swiss Air mit 1,3 Milliarden Franken zu retten. Auch die Profiligen des Schweizerischen Fussballverbandes und der Swiss Ice Hockey Federation erhalten rückzahlbare Darlehen von je insgesamt 175 Millionen Franken. Nur wenige Wochen davor wurde der Unterstützungsbetrag für Kinderbetreuung auf bescheidene 65 Millionen gekürzt. Dieses krasse Missverhältnis macht mich nachdenklich. Ich frage mich: Haben wir die Prioritäten richtig gesetzt? Natürlich ist es einfach die Entscheidungsträger in dieser Coronavirus-Krise zu kritisieren. Das weiss ich, denn…

Kritik hagelt es immer

Nachdem ich selbst schon Krisenmanagerin war und zuständig für die Evakuation einer gesamten Firmen-Belegschaft habe ich selbst schon erlebt, dass Entscheidungen hinterfragt werden: Hinterher ist jeder gescheiter. Es gibt immer Dinge, die man hätte anders machen können. Besser. Es liegt in der Natur von Entscheidungen, dass sie diskutierbar sind. Es gibt immer Befürworter und Kritiker, ganz egal, wie und was man entschieden hat. Gäbe es die nicht, dann hätte man gar nicht entscheiden müssen. Denn dann hätte man die Sache wahrscheinlich berechnen können. Dann wäre die eine Alternative der anderen so glasklar überlegen gewesen, dass selbst ein kleines Kind hätte wählen können. Genau genommen wäre es in einem solchen Fall von vornherein klar gewesen, was zu tun ist. Das ist in Krisen aber selten der Fall. Und deshalb braucht es Entscheidungen. 

Entscheiden heisst etwas (nicht) zu wollen

In der Schweiz entscheidet der Bundesrat wo und für was in der Coronavirus-Krise Geld eingesetzt wird: Die Schweizer Luftfahrt und der Profisport erhalten zusammen 1,65 Milliarden Schweizer Franken. Die mit Ertragsausfällen kämpfenden Institutionen der familienergänzenden Kinderbetreuung sollen mit 65 Millionen Franken unterstützt werden. Nicht unerwähnt soll bleiben, dass die vorbereitende Kommission des Bundes ursprünglich einen Kredit von 100 Millionen für die Kinderbetreuung vorgeschlagen hat. Das ist – v.a. im Vergleich zur Unterstützung der Airline – ein äusserst bescheidener Betrag. Trotzdem wurde er um 35 Millionen gekürzt.

Darauf möchte ich aufmerksam machen. Denn es passt ins Bild wie die Schweizerische Politik und Regierung schon seit Jahren priorisieren. Die Kinderbetreuung hält man offensichtlich von nachrangiger Bedeutung.

Zielklarheit ist Voraussetzung

In einer Krise ist es nicht immer einfach Klarheit zu haben. Vieles ist unsicher, nicht vorhersehbar, unbekannt. Die Zeit ist knapp, und deshalb ist eine Diskussion über Zielsetzungen, was und aus welchem Grund, geschützt, unterstützt oder erreicht werden soll, schwieriger. Dem ist Rechenschaft zu zollen. Die Krux ist: Wenn die Ziele nicht klar sind, wird es auch schwierig zu priorisieren und einen Konsens zu erreichen. Trotzdem frage ich mich: Wer in diesem Lande ist wahrhaftig der Ansicht, dass die Rettung einer „deutschen“ Airline so viel wichtiger ist als das Wohl von Schweizer Kindern? Sagen wir nicht immer und immer wieder: Kinder sind unsere Zukunft? Wer wird denn die Corona-Kredite über die nächsten Jahrzehnte zurückzahlen, wenn nicht unsere Kinder? Und dennoch sind wir nicht bereit mehr in ihre Betreuung zu investieren? 

Wie steht es um die eigenen Prioritäten?

Nun gut, die Entscheidungen des Bundesrates sind gefallen. Der einzelne Bürger kann im Moment nichts daran ändern (mittelfristig können wir familienfreundlichere Politiker wählen). Was wir jedoch sofort tun können ist zu überprüfen, wie die Sache bei uns selbst steht. Worauf haben wir unsere eigenen Ressourcen in dieser Krise bisher verwendet? Ist das mit den Prioritäten in unserem Leben in Einklang – oder gibt es Unstimmigkeiten? Sind wir uns überhaupt darüber im Klaren, was wichtig ist? Wenn nein, dann wird es höchste Zeit uns damit auseinanderzusetzen. Denn auch für unser Leben gilt: Nur wenn wir Klarheit über unsere Ziele haben, können wir entsprechend priorisieren.

Ziele und Prioritäten können sich im Verlauf der Zeit auch verschieben. Gerade Krisen haben die Eigenschaft, dass sie uns ins Bewusstsein rufen, was wirklich wichtig ist. Das kann zum Anlass genommen werden, den Fokus im eigenen Leben neu auszurichten. Es könnte in der letzten Konsequenz bedeuten, dass wir eine neue Wahl treffen, und uns bewusst für etwas Neues bzw. gegen Bisheriges entscheiden.

Bilanz ziehen

Jetzt, wo der erste Schock vorbei ist, und die Ansteckungswelle abgeflacht ist, lohnt es sich zu reflektieren, was in dieser Krise für uns bisher gut und was weniger gut verlaufen ist. Hier ein paar mögliche Fragen: Was hat Sie überrascht? Was lief besser als erwartet? Was haben Sie neu oder wieder entdeckt? Welche Dinge lohnt es in Zukunft beizubehalten? Wie sehr waren Sie mit sich selbst beschäftigt? Wovor hatten Sie Angst und weshalb? Hatten Sie genügend Zeit und Energie, um sich um die Bedürfnisse derjenigen Menschen zu kümmern, die Ihnen wichtig sind? Wie sehr haben Sie sich von Ihrem Arbeitgeber mit Aufträgen und Videokonferenzen eindecken lassen? Standen Sie derart unter Druck, dass Ihnen ab und zu der Geduldsfaden riss und andere darunter leiden mussten? Ich wünsche Ihnen sehr, dass Sie sich die Zeit nehmen, um eine erste Bilanz zu ziehen.

Der Unterschied zum Bundesrat

Sollten Sie zum Schluss kommen, dass Sie zukünftig Ihre Prioritäten anders setzen wollen, dann können Sie das sofort ändern. Das ist der Unterschied zwischen Ihrem eigenen Leben und dem Bundesrat: Hier sind Sie im Driver’s Seat! Hier setzen Sie die Prioritäten!

Gehen Sie mit sich selbst nicht zu hart ins Gericht. Keiner hat etwas davon, wenn Sie jetzt in Selbstkritik versinken. Wichtiger ist, Mitgefühl mit sich selbst zu entwickeln, denn wir waren – und befinden uns weiterhin – in einer  aussergewöhnlichen Zeit. Nur wer mit sich selbst sorgsam und liebevoll umgeht, ist in der Lage seine eigenen und die Bedürfnisse derjenigen Menschen, die ihm wichtig sind, zu erkunden und zu adressieren. Auch in der Krise.

(Eigenes Bild: Im Cockpit meines Lebens)

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