Diversity Training ist wie eine Hundeschule für Nicht-Hundehalter

Diversity war einst in aller Munde. Das ist schon einige Jahre her. Ich kann mich aber noch sehr gut an mein Diversity-Training erinnern. Dafür gibt es gute Gründe:

Der Diversity Trainer ist ein Mann

Zuerst wurden im ganzen Unternehmen etwa zwei Handvoll sogenannter „Frauen mit Potential“ handverlesen und gebeten, in ein Training zu gehen. Keine wusste wie diese Auswahl zustande kam. Das Training startete mittags, was den Lunch der Teilnehmerinnen dramatisch verkürzte. Abends nach dem Kurs kehrten wir alle an unseren Arbeitsplatz zurück, um die liegen gebliebenen Tagespendenzen zu erledigen. (Das Kinder-von-der-Schule-abholen erledigten an diesem Tag deshalb die Väter …)

Zweitens: unser Diversity-Trainer war ein Mann. Anscheinend befand die Unternehmensleitung und/oder Personalabteilung ihn für besonders befähigt, die Potentialfrauen zu unterrichten. – Naja, auf jeden Fall war er „anders“ als wir, „a different animal“, ein Mann eben.
Er erzählte uns wie Männer in der Unternehmenswelt agieren. Dazu war er aufgrund seines Geschlechts sehr gut befähigt. Plötzlich verstand ich, weshalb wir einen männlichen Trainer hatten.

Danach beschrieb er sehr plastisch, wie wir Frauen uns ändern und anpassen sollten. Im Endeffekt ging es darum, gleich zu werden wie die Männer. Die Ziele des Unternehmens lauteten: Frauen sollten mehr Gehör und Sichtbarkeit erlangen; nicht länger übergangen werden. Frauen sollten besser in die maskuline Arbeitswelt „hinein passen“. Und nicht zuletzt: Frauen sollten Karriere machen. Denn die Personalabteilung hatte festgestellt – was wir alle schon längst wussten, dass trotz gleicher oder manchmal gar besseren Qualifikationen der Frauen, immer noch mehr Männer den Karriereschritt im Unternehmen schafften. (War es ein Zufall, dass genau zur gleichen Zeit die verpflichtende „Frauen-Quote“ auf der öffentlich-politischen Agenda erschien?)

Drittens, war der Trainer dann so ehrlich zu bestätigen, dass dies bei weitem nicht nur an den mangelnden Qualifikationen der Frauen liege. Ganz im Gegenteil: Das Verhalten der Männer sowie die selektive Sichtweise der im Driver Seat sitzenden Entscheider hätten einen ganz gewaltigen Anteil an der ungleichen Balance zwischen den Geschlechtern. Auf meine Frage hin, weshalb – wenn diese Einsicht schon bestünde – nun eigentlich wir Frauen das Diversity Training absolvierten, hatte ich keine gescheite Antwort erhalten. Oder sie ging im Lachen der anderen Teilnehmerinnen unter …

Ich habe dann auf jeden Fall nie wieder ein Diversity Training besucht.

 

Innovation statt Diversity?

Doch das Thema Diversity ist immer noch hochaktuell. Zumindest für uns Frauen. In der Unternehmenswelt und Wirtschaft haben zwischenzeitlich andere Modeworte die grosse Bühne erobert. Zum Beispiel Innovation und Digitalisierung. Interessanterweise hängen Innovation und Diversity sehr eng zusammen.

Auf jeden Fall eröffnet die digitale Start-up Welt und Inno-Branche auch uns Frauen ganz neue Chancen. Frauen machen sich selbständig. Gründen ihre eigene Firma. Es gibt Veranstaltungen ausschliesslich für Female Founders. Frauen erkaufen sich damit Freiheiten und mehr Unabhängigkeit im Berufsleben. Das geht leider oft einher mit weniger materieller Sicherheit.

Gleichzeitig hat sich der Gender Gap in 2017 das zweite Jahr in Folge rückwärts auf das niedrigste Level seit 2008 entwickelt – nach einem Peak in 2013. (Es muss Zufall gewesen sein, dass mein Diversity Training genau in diesem Jahr stattfand.) Auf dieses Ergebnis kommt der Global Gender Gap Report des World Economic Forums (WEF), welcher seit Jahren die Geschlechterunterschiede in Bereichen Gesundheit, Erziehung, Wirtschaft und Politik systematisch untersucht.

Das ist höchst bedauernswert, denn Studien beweisen, dass gerade gemischte Teams bessere Innovationsleistungen hervorbringen. Je unterschiedlicher z.B. ein Design Thinking Team zusammengesetzt ist, desto höher ist seine kreative Schöpfungskraft.
Eine natürliche Balance zwischen den Geschlechtern beflügelt nicht nur die Innovationskraft. Studien und die Praxis bestätigen seit Jahren, dass gemischte Teams besser funktionieren. Damit sind natürlich nicht nur Frauen, sondern auch verschiedene Altersklassen, Ethnien, etc. gemeint. Zudem benehmen sich Männer in gemischten Teams – also sprich: mindestens eine Frau in einem Männerteam, einfach „besser“. Diese Aussage machen übrigens Männer, nicht die Frauen… Ich vermute, dass weniger Bullshitting stattfindet, Machtkämpfe nicht so im Mittelpunkt stehen, offener miteinander geredet und diskutiert wird, Entscheidungen schneller getroffen und dadurch die allgemeine Effektivität und Effizienz gesteigert werden. (Aber das sind nur wilde Vermutungen meinerseits…)

 

Westeuropa schliesst Gender Gap in 47 Jahren!

Mit anderen Worten: Eigentlich spricht heute mehr für Diversity denn je zuvor. Diversity beflügelt die Innovation! Diversity verbessert die Zusammenarbeit in Teams! Allerdings müssen wir gemäss WEF in Westeuropa noch 47 Jahre warten bis der Gender Gap dann endlich geschlossen sein wird. Damit hat meine Urenkelin sogar Glück gehabt – gucken wir nach USA, dauert es noch ganze 145 Jahre.

Trotzdem dauert es lange, sehr lange. Sollten wir also nicht Alle Interesse haben, Diversity schneller voranzutreiben? Würde eine Möglichkeit vielleicht darin bestehen, mehr Männer ins Diversity Training zu schicken?

So ein bisschen wie bei der Hundehaltung: Wir schicken ja schliesslich auch nicht die Nicht-Hundehalter in die Hundeschule, um sicherzustellen, dass Hunde sich besser benehmen und weniger beissen.

 

(Bild: YamaBSM – pixabay)

1 Kommentar

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Ria Hinkenantworten
26. Februar 2018 at 18:04

Einst hatte der Hessische Rundfunk einen männlichen Frauenbeauftragten, der den Frauen erzählte, dass High Heels ungesund sind. Der Typ war kein Arzt, sondern der Assistent des Intendanten. Das war Anfang der 1980er Jahre. Und Prof. Hanau (Arbeitsrechtler) erklärte einst auf einer Veranstaltung in Wiesbaden (ebenfalls in den 1980er Jahren) zur Quote: „Wir Männer mögen ja Frauen“. Was will Frau also mehr?
Das Märchen, dass sich Männer in gemischten Teams besser benehmen ist auch schon mindestens 40 Jahre alt. Hierzulande haben weder Frauen, ältere Mitarbeiter*innen noch Menschen mit Migrationshintergrund die gleichen Chancen wie weiße (deutsche) Männer. Wir sollten Vorstände, Geschäftsführer und Abteilungsleiter ins Langzeittraining schicken.

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