Die Zeit ist reif zuzuschlagen

Sind Sie morgens öfters zu spät? Ist Ihre Arbeit grundsätzlich von schlechterer Qualität als diejenige Ihrer männlichen Kollegen? Arbeiten Sie weniger gewissenhaft, oder sind Sie dümmer? Haben Sie weniger gute Einfälle? Leisten Sie nie vollen Einsatz, und haben keine Überstunden?

Wenn Sie alle diese Fragen mit nein beantwortet haben, dann haben Sie es sich verdient! Dann gibt es keinen Grund, weshalb sie nicht auch regelmässig nach Gehaltserhöhungen fragen sollten. Ihre männlichen Kollegen tun es sowieso schon längst.  

 

Es sich selbst wert sein

Es konnte nachgewiesen werden, dass Frauen im Vergleich zu Männern viel weniger oft nach Gehaltserhöhungen fragen. Gemäss einer Studie aus dem Jahr 2017 haben 44 % der Frauen noch nie nach einer Gehaltserhöhung gefragt, bei den Teilzeit-Angestellten sind es sogar mehr als die Hälfte, ganze 53 %.¹

Woran liegt das?

Ich sehe zwei Hauptgründe: Die Tatsache, dass Frauen ihren «Wert» im Geschäftsleben/Beruf selbst oft gering einschätzen, und Angst.

Der erstere Punkt sollte uns nicht weiter verwundern angesichts …:

  • der Sozialisierung, die in den meisten westlichen Gesellschaften und damit in der Erziehung von Mädchen bis heute ihre Spuren hinterlässt,
  • der Tatsache, dass Frauen – v.a. auf Management-Level – auch heute noch in vielen Berufen und Branchen in der Minderzahl sind und sich deshalb (manchmal unbewusst) „zurücknehmen“ und selbst wenig zutrauen,
  • der in manchen Unternehmen bis heute andauernden expliziten bzw. impliziten Diskriminierung von Frauen.

All dies führt dazu, dass Frauen oft der Meinung sind, dankbar sein zu müssen überhaupt einen Job zu haben und arbeiten zu dürfen.

 

Auch ein Teilzeitlohn kann angehoben werden

Im besonderen habe ich solche oder ähnliche Aussagen von Frauen gehört, die in Teilzeit arbeiten: «Ich muss ja froh sein, dass ich eine 60%-Stelle habe, da kann ich nicht auch noch nach einer Lohnerhöhung fragen.» Logisch ist dieses Argument allerdings nicht: Eine Gehaltserhöhung ist schliesslich keine Forderung den Lohn auf 100% aufzustocken währenddessen man weiterhin nur 60% arbeiten will, sondern lediglich die Bitte nach einer fairen proportionalen Lohnanpassung.  

Damit sind wir auch schon beim Thema Angst: Diese schwelt oft im Hintergrund und kann etwas diffus sein, was es nicht einfacher macht. Sie hängt direkt mit der individuellen Lebensgeschichte zusammen, und kann z.B. darin begründet sein, dass man schon als kleines Mädchen von den Eltern darauf getrimmt wurde zurückzustecken oder gerügt wurde, wenn man forsch und selbstbewusst etwas einforderte bzw. für sich selbst eintrat. Vielleicht musste man als Mädchen im Haushalt mithelfen ohne je ein Danke dafür erhalten zu haben. Es fand evtl. eine systematische Benachteiligung gegenüber den Geschwistern statt. Lauter Erlebnisse, die einen im Hier und Heute glauben machen können, dass es nicht erlaubt ist, berechtigte Forderungen zu stellen.

Auch die Angst vor einem potentiellen Stellenabbau kann dahinter stecken. Vielleicht war man selbst schon einmal betroffen – oder hat Bekannte, die entlassen wurden. Vielleicht geht es der Firma oder der Branche insgesamt schlecht. Das kann ebenfalls diffuse Angst- und Bedrohungsgefühle auslösen.

Um selbstbewusst in ein Lohnverhandlungsgespräch einzutreten ist es entscheidend, sich derartiger Befürchtungen und Erfahrungen bewusst zu werden, um zu verstehen, dass sie einen zwar beeinflussen, aber nichts mit der konkreten Situation zu tun haben.

Das Ende der Bescheidenheit

Die Forderung nach einer Gehaltserhöhung ist nur eine ganz legitime Bitte – weder eine konkrete Drohung gegen den Chef (das sollte es mindestens nicht sein), noch eine Bedrohung für einen selbst. Zählt man gar zu den Hochleistern oder zentralen Leistungsträgern im Team, ist es erst recht gerechtfertigt Vorgesetzte ab und zu darauf aufmerksam zu machen, dass man gute Arbeit leistet und dementsprechend belohnt werden möchte.

Selbst in Zeiten des allgemeinen Kostendrucks werden Kündigungen nicht eher ausgesprochen, nur weil nach einer Gehaltserhöhung gefragt wurde. Da gibt es keinen direkten Zusammenhang. Eher wage ich zu behaupten, dass die aktive Nachfrage nach einer Gehaltserhöhung dem Chef klar signalisiert, für wie zentral und wichtig man seinen Job und die eigene Arbeitsleistung erachtet. Wichtige Stellen und Leute aber, wissen wir alle, haben üblicherweise eine längere Karenzfrist.  

Aus diesen Gründen rufe ich zum Ende der Bescheidenheit auf. Nehmen Sie sich ein Herz und reihen Sie sich ein in die langen Kolonnen von Männern, die regelmäßig nach einer Gehaltserhöhung fragen.

Gute Vorbereitung und der richtige Zeitpunkt

Bevor Sie beim Chef vorsprechen gilt es allerdings sich gut vorzubereiten. Nichts Schlimmeres, als wenn Sie keine handfesten Argumente vorbringen können, weshalb gerade Sie eine Gehaltserhöhung verdient haben. Dazu existieren unzählige Ratgeber im Netz und im Buchhandel.  

Auf jeden Fall sollte man das Gehaltsniveau im eigenen Unternehmen und der Branche im allgemeinen kennen. Es schadet nicht, sich ab und zu bei einem Headhunter oder der Konkurrenz umzusehen, um den eigenen Marktwert einschätzen zu können. Auch im Internet finden sich entsprechende Hinweise und Lohn-Vergleichsportale.

Weise ist es auch den Vorgesetzten, oder ein Vertreter/Vertrauter der Personalabteilung, in einer ruhigen Minute darum zu bitten einem die Gehaltssystematik und damit zusammenhängenden Unternehmensprozesse zu erläutern: Wenn Sie die Methodik der Stellenbewertung grundsätzlich verstanden haben, die dahinter liegenden Faktoren und Gehaltsbänder kennen und über die unternehmensspezifische Gehaltsanpassungsmatrix Bescheid wissen, können Sie:

  • einschätzen, ob Sie zurzeit überhaupt fair und marktgerecht bezahlt werden (sollte sich herausstellen, dass Sie unter dem Durchschnitt liegen, haben Sie schon ein Argument mehr in der Tasche),
  • den realistischen bzw. maximalen Spielraum abschätzen innerhalb welchem Sie verhandeln können,
  • und, ganz wichtig, den richtigen Zeitpunkt wählen, um in ein entsprechendes Gespräch einzutreten (d.h. nicht viel zu früh bevor der unternehmensinterne Prozess der Gehaltsanpassungen überhaupt gestartet wird – dann verpufft nämlich Ihr ganzer Effort – aber auch nicht zu spät, so dass der Vorgesetzte effektiv eine Chance hat Ihre Ansprüche einzubringen und zu berücksichtigen.)

Es gibt noch eine andere zeitliche Komponente, die für Ihren Verhandlungserfolg von Bedeutung ist. Suchen Sie sich für das Gespräch einen günstigen Moment aus: Das ist idealerweise dann, wenn Ihr Vorgesetzer gute Laune und Zeit hat (z.B. weil er einen Geschäftserfolg verzeichnen kann), und Sie selbst gut dastehen, also eine gute Leistung vorweisen können. Das Beste ist natürlich, wenn beides zusammentrifft.  

Setzen Sie all Ihre weibliche Intuition ein, um diesen günstigen Zeitpunkt zu finden und daraus sprichwörtlich «Kapital» zu schlagen.         

Der Stellenwechsel – Ihre grösste Chance

Schwierig wird es, wenn man eine neue Stelle zu einem viel zu tiefen Lohn antritt. Als Vorgesetzte habe ich das leider häufiger bei Frauen als Männern beobachtet. Selbst wenn man als Chefin dann noch so guten Willens ist, sind derart große Einstiegsdifferenzen kaum mehr auszugleichen. Der Grund: Das Lohn(erhöhungs)-budget einer Abteilung oder Firma ist (meist) begrenzt.

Deshalb ist es weder den anderen Mitarbeitern im Team gegenüber fair, noch gegenüber Personalabteilungen und höheren Chefs gut vermittelbar, weshalb Jahr für Jahr dieselbe Person eine Lohnerhöhung erhalten sollte – auch dann nicht, wenn diese Person (sprich: meist Frau) stets gute Leistung erbringt und im Vergleich zu den Kollegen im Team viel zu wenig verdient.

Das ist zwar eine schreiende Ungerechtigkeit, aber nur zu oft die Realität. Aus diesem Grund rate ich: Nutzen Sie Ihre größte Chance auf eine Gehaltserhöhung zum Zeitpunkt eines Stellenwechsels (egal ob intern oder extern). Gerade hier sind Männer meines Erachtens viel aggressiver unterwegs, und profitieren davon. 

Sich nicht Entmutigen lassen

Ich habe erlebt wie nervig es sein kann, wenn ein Mitarbeiter immer und immer wieder nach einer Gehaltserhöhung fragt (… die Frage ist müssig, ob es ein Mann war: Ja, natürlich.) Das war für mich als Vorgesetzte nicht angenehm. Es war nicht nur aufwendig, sondern auch schwierig von Jahr zu Jahr dem Mitarbeiter zu erklären, weshalb ich ihm keine Gehaltserhöhung oder weniger als von ihm gefordert, bezahlen konnte. Es war vor allen Dingen deshalb schwierig, weil er ein hervorragender Mitarbeiter war und stets beste Leistung ablieferte. Nichtsdestotrotz, gerade weil er so gut war und es nie müssig wurde, immer wieder für sich einzustehen und zu fordern, schnitt er über die Zeit tatsächlich leicht besser ab als die übrigen Teammitglieder.

Das soll keine Aufforderung sein, penetrant zu werden. Das Beispiel demonstriert aber, dass darum bitten unerlässlich, und Beständigkeit und Häufigkeit der Nachfrage entscheidend sind. Das wird untermauert durch Ergebnisse aus einer Studie: Wer öfter nach einer Gehaltserhöhung fragt, steigert auch seine Chancen darauf, mehr Geld zu bekommen². 

Die wagt, gewinnt.

Sollten Sie immer noch daran zweifeln, ob es Ihnen gut oder überhaupt ansteht nach einer Gehaltserhöhung zu fragen, so wird Sie hoffentlich dieses letzte Argument überzeugen: Rollenspiele im Rahmen eines Experiments haben gezeigt, dass Frauen in Gehaltsverhandlungen erfolgreicher sind als Männer. Während 73,8 % der Frauen mehr Geld bekommen, sind es bei den Männern nur 64,3 %.

Das  funktioniert allerdings nur dann, wenn die Frau zielstrebig und selbstbewusst auftritt (und entsprechend gut vorbereitet ist). Mehr als 360 Chefs sowohl grosser Konzerne, wie auch von mittelständischen Firmen, bestätigten das, nachdem ihnen Forscherinnen entsprechende Videoaufnahmen zeigten. Sie würden eine zielstrebige Frau belohnen und ihren gleich starken Kollegen, der mit denselben Worten und denselben Gesten um mehr Geld gekämpft hat, eher vertrösten.³

Die Forscherinnen erklären sich das Ergebnis mit dem steigenden öffentlichen Druck mehr Frauen in die Berufswelt bzw. Führungsetagen zu holen. Deshalb sei der relative Marktwert der Frauen gestiegen, und hätten sie mittlerweile bessere Chancen als die Männer auf eine Gehaltserhöhung.

Daraus, liebe Frauen, lässt sich eigentlich nur eines resümieren: Allen Mut zusammen kratzen und ausprobieren. Frei nach dem Slogan: Probieren geht über Studieren.

Ich wünsche Ihnen aus ganzem Herzen viel Erfolg dabei!   

Quellen:

¹ ² 3 Minuten Coach: Bei der Gehaltserhöhung scheiden sich die Geschlechter:  https://www.3minutencoach.com/news/bei-der-gehaltserhoehung-scheiden-sich-die-geschlechter-6603/

 
 

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