Die Umkehr der sozialen Norm

Ich bin keine grosse Verfechterin von Streiks. Meines Erachtens haben Verweigerungshaltung und Polemik noch selten zu einer tragbaren Lösung geführt. Deshalb habe ich vor zwei Monaten nicht am grossen Frauenstreik in der Schweiz teilgenommen. Auch wenn ich zugeben muss, dass mich der Aufmarsch der zig-tausend Frauen im Nachhinein sehr beeindruckte.

Nun gut, ich war nicht dabei und habe somit dieses Event – und so wie es aussieht viel Spass – verpasst. Eine Frage aber ging mir während des gesamten Frauenstreiktags nicht aus dem Kopf, und beschäftigt mich bis heute: Weshalb streiken eigentlich nicht die Schweizer Männer?

Auch Männer sind benachteiligt

Meiner Meinung nach sind Männer in der Schweiz genauso benachteiligt wie Frauen, allerdings in anderer Hinsicht: Nämlich als Vater ausreichend Zeit mit ihren Kindern verbringen zu können.  

In der Schweiz komme ich nicht aus dem Staunen: Männer werden von Staats wegen für den obligatorischen Militärdienst von ihren beruflichen Pflichten befreit, doch sie erhalten nur einen einzigen Tag Vaterschaftsurlaub, wenn es um die Betreuung ihres Nachwuchs geht. Daraus könnte man folgern: Männer dürfen auf Staatskosten kämpfen und verteidigen, aber sie können sich nicht – zumindest nicht auf Staatskosten – darum kümmern, dass aus ihren Kindern friedliebende Menschen werden.

Ich frage mich schon: Haben wir als Gesellschaft die Prioritäten und Weichen wirklich richtig gestellt?

Eine andere Interpretation wäre: Die gesamte Schweizer Bevölkerung ist sich offenbar darüber einig, dass die Verteidigung unseres Landes ein höheres und damit schützenswerteres Gut darstellt als Kinderpflege und Erziehung (Schweizerinnen stellen immerhin 50% der Stimmberechtigten).

Einige LeserInnen werden nun argumentieren, dass das reine Polemik sei. Gleichzeitig werden Sie auf die wichtige Rolle der Frauen in der Erziehung der Kinder verweisen. Richtig, so läuft es seit Jahrzehnten: Zwar je länger desto weniger explizit, aber flächendeckend und meistens stillschweigend wird davon ausgegangen, dass es bestimmte Tätigkeiten gibt, die ausschliesslich von Frauen verrichtet werden können.

Unconscious Bias

Diese Art von unbewussten, systematischen kognitiven Wahrnehmungsverzerrungen (Unconscious Bias) sind nicht nur dem Denken unserer Politiker inhärent. Ich behaupte sie haben sich wie eine heimtückische Krankheit in den Köpfen der meisten BürgerInnen dieses Landes festgesetzt, sogar in denjenigen, die sich ganz ernsthaft und öffentlich für eine ausgewogenere Stellung der Frauen einsetzen:

  • Nehmen wir z.B. das kürzliche Statement eines bekannten Headhunters, der eigentlich nur positive Absichten verfolgte und auf einen positiven Trend hinweisen wollte: «Arbeitgeber erkennen die Wichtigkeit einer besseren Integration von Frauen in die Arbeitswelt immer mehr an.» => Die Integration des Mannes in Sachen Haushalt und Kindererziehung wird im Vergleich dazu tot geschwiegen.  
  • Eine typische Aussage eines Arbeitgebers von heute: “Unsere Arbeitsmodelle ermöglichen insbesondere Wiedereinsteigerinnen eine flexible Rückkehr in den Beruf.» => Männliche Wiedereinsteiger sind offensichtlich eine «specie rara» und fallen unter den Tisch.
  • Ebenso: Wann haben Sie schon eine Anzeige für einen «Putzmann» gesehen?

Alle diese Aussagen gehen implizit davon aus, dass Kinderbetreuung und Haushaltsarbeiten grundsätzlich Frauensache sei. Das geschieht heutzutage meistens nicht bewusst, und schon gar nicht mit böser Absicht. Es geschieht unbewusst („unconscious“), unser eigener Kontrollmechanismus im Kopf wird umgangen. Letztlich kann das bis zu unbewussten Diskriminierungen führen.

Würden Sie es nicht auch erleichternd finden in den HR-Policen eines Arbeitsgebers einmal eine solche Aussage vorzufinden: «Unsere Homeoffice Policy ermöglicht Männern Beruf und familiäre Verpflichtungen optimal miteinander zu verbinden».

Einseitige Aussagen setzen sich in unserem Denken nieder, und infizieren bzw. steuern uns unbewusst. Die langfristige und fundamentale Wirkung wird meist unterschätzt.

Ginge es um Dinge, die rein biologisch gegeben sind, und deshalb nicht umverteilt werden können, hätte niemand etwas dagegen einzuwenden (z.B. Kinder gebären und stillen). Dazu gehören aber nicht Kinderpflege und Erziehung. Zumindest ich gehe davon aus, dass unsere moderne Gesellschaft mehr Flexibilität und Wahlfreiheit wünscht. Umsomehr wundere ich mich, dass sich die jungen Männer von heute nicht mit Vehemenz zu Wort melden. Weshalb nehmen sie es hin sowohl von Gesellschaft wie Arbeitgebern zum hauptverantwortlichen Brotverdiener der Familie verdonnert zu sein!?

Anders gefragt: Gibt es da draussen keinen einzigen frisch gebackenen Vater, der sich liebend gerne selbst und hauptverantwortlich um sein Kind kümmern möchte, und gleichzeitig sicherstellen will, dass alle Türen für seine spätere Rückkehr ins Berufsleben offen bleiben?

Vielleicht sind Väter die besseren Mütter?

Machen wir ein Gedankenexperiment: Nehmen wir an in unserem Land würden sich seit vielen Generationen die Väter um die vollumfängliche Betreuung des Kindes nach Geburt kümmern. Es wäre normal, dass ein Vater nach Geburt zuhause bleibt: Er wickelt und füttert das Baby, geht mit ihm zum Arzt, wäscht Kinderkleider und erledigt auch den täglichen Einkauf der Familie.

Für die Mutter gibt es darum nicht mehr allzu viel zu tun zuhause. Nichts hindert sie daran nach Geburt in ihren Job zurückzukehren und sich um ihre Karriere zu kümmern. Schon allein aus ökonomischen Gründen scheint das für die neue Familie sinnvoll. Die Frage, wer sich um das Kind kümmert, stellt sich erst gar nicht.

Umkehrt ist der Vater ganz für das Kind da. Er untersteht keinerlei Rechtfertigungsdruck. Er riskiert nicht ins schiefe Licht zu geraten, nur weil er hauptberuflich sein Kind betreut.

Nun ist das natürlich bloss die Umkehr von dem, was wir heute leben. Insofern ist auch dieses Szenario keine ausgewogene Lösung. Es kann uns aber folgendes aufzeigen: Abhängig davon wie schwierig es Ihnen fällt sich dieses Szenario für sich selbst bzw. grundsätzlich für unsere Gesellschaft vorzustellen, ist Ihr Denken von gesellschaftlichen Normen geprägt.

Diese Art von «Unconscious Bias» schränkt eine echte Wahlfreiheit ein; es erschwert das Aushandeln einer für Sie und Ihren Partner zufriedenstellenden Lösung in Sachen Kindererziehung und Haushalt, denn unbewusste Vorannahmen, Stereotypen und Normen wirken im Hintergrund.

Wann streiken die Männer?

Ich denke wir können auch festhalten, dass diese 180-Grad Umkehr der Rollenverteilung zwischen Mann und Frau heutzutage in der Tat schon längst umsetzbar und lebbar wäre. Es geht deshalb weniger um eine Änderung der gesetzlichen Grundlagen – auch wenn ich selbst Verfechterin von sowohl ausgedehnteren wie zwischen den Geschlechtern ausgewogeneren Elternzeitregelungen bin (à la Deutschland-Modell).

Wichtiger sind die Änderungen, die in unseren Köpfen stattfinden müssen: Wir kommen nicht umhin unsere eigenen unbewussten sozialen Normen zu hinterfragen und zu überdenken. Denn: Wer sagt denn, dass Väter nicht die besseren Mütter wären, und Mütter nicht die besseren Wirtschaftsbosse?

Es geht darum mit alt hergebrachten gesellschaftlichen Normen zu brechen, die Barrieren im Kopf nieder zu reissen. Das braucht Mut. Viele Frauen haben mittlerweile bewiesen, dass sie den Mut haben nach Geburt in ihren Beruf zurückzukehren. Wann fassen sich die Männer ein Herz und sind mutig genug zuhause zu bleiben?

Vor diesem Hintergrund kann man in der Tat fragen: Wann streiken die Männer für mehr Flexibilität und berufliche Freistellung zugunsten ihres Rechts zur Kinderbetreuung?

(Eigenes Bild: Sonnenaufgang auf dem Bernina – The Dawn of a New Age)

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