Als ich glaubte, meine Freiheit sei dahin …

Wie jeder heranwachsende Teenager sehnte ich mich danach auf eigenen Füssen zu stehen. Ich jubelte, als ich nach meinem Studium meinen ersten Lohn verdiente und eine schöne Wohnung bezog. Meine neue Freiheit gefiel mir, und dass mir keiner mehr Vorschriften machte. Auch, dass ich keinerlei Verpflichtungen hatte – abgesehen von der Arbeit natürlich. Trotzdem war mir immer klar: «Ich will irgendwann Kinder.» Ich liess mir viel Zeit damit.

Mit 35 Jahren hielt ich mein erstes winzige, sabbernde und komplett hilflose Bündelchen in den Armen. Alle paar Stunden schrie dieses Bündel nach Milch, wollte mehrmals am Tag gewickelt, und bespasst werden.

 

Meine lieb gewordene Freiheit ist dahin …

Ich erinnere mich noch, wie wenn es erst gestern gewesen wäre: Ich lag im Krankenhausbett, die Strapazen der Geburt meiner Tochter glücklich überstanden, und einfach nur froh, mich ein wenig erholen zu können. Die Krankenschwester fragte mich, ob ich mein Kind die Nacht über bei mir haben, oder lieber auf die Säuglingsstation geben wolle. Ich hätte hellhörig werden müssen. Denn sie fügte hinzu, dass man mir die Tochter ohnehin bringen würde, wenn sie Hunger habe. Ich entschied mich für die Säuglingsstation – in der frommen Hoffnung ein paar Stunden schlafen zu können.

Um ein Uhr nachts stillte ich, schlief danach rasch wieder ein. Um drei Uhr stillte ich auch, und glitt langsam zurück in den Halbschlaf. Knapp 1,5 Stunden später wurde ich erneut geweckt. Mit dem Schlafen war es vorbei, denn in dem Augenblick traf mich die Erkenntnis wie ein Schlag ins Gesicht: «Meine Freiheit ist für immer dahin – mein Leben wird nie mehr sein wie davor.»

Ich begriff: Die nächsten Jahre – bis zur Volljährigkeit meiner Tochter – hatte ich mich verpflichtet, für einen anderen Menschen ganz da zu sein. Das war neu und gleichzeitig furchteinflössend. Soviel Verantwortung, soviel Angebundensein.

 

Fast wäre ich nie mehr zur Arbeit zurück gegangen

Nun werden Sie sagen, das war ja geplant, insofern gewollt, und leicht vorhersehbar. Ja, das war so. Trotzdem ist es etwas Anderes am eigenen Leib zu erfahren, wie es ist, wenn ein Kleinkind komplett von einem abhängig ist. Erstaunlicherweise fiel ich in keine Wochenbett-Depression, im Gegenteil: Nach dem ersten intensiven Schock begann ich mich zu arrangieren, organisieren – und fand Gefallen daran.

Wie alle Mütter freute ich mich, mitzuerleben, wie meine Tochter an Gewicht zulegte, lernte das Köpfchen zu heben, den ersten Brei zu essen, später zu krabbeln, etc. Nachdem sie von früh an viel schlief und wenig weinte, kam mir mein Jahr Erziehungsurlaub eher vor wie ein Jahr Ferien. Ganz unerwartet entdeckte ich eine andere Art der Freiheit: Keine Sklavin mehr von Meetings zu sein, die jemand anders anberaumt hatte, sondern den Tagesablauf alleine bestimmen zu können. Ich lernte auch mit meiner kleinen Tochter im Gepäck sehr mobil zu sein.

Ich genoss meinen Erziehungsurlaub so sehr, dass ich es fast bereute, ein Jahr später wieder zurück zur Arbeit gehen zu müssen. Im Nachhinein denke ich: Nur gut, dass ich das mit dem Arbeitgeber schon vor der Geburt ausgemacht hatte, sonst wäre ich nie mehr bei der Arbeit erschienen.

 

Wenn Auslandsaufenthalte trotz Kinder möglich werden … 

Als meine Tochter zwei Jahre alt war, wurde mir ein Studienaufenthalt an einer amerikanischen Universität angeboten. Ohne Familie hätte ich nicht lange überlegt, sondern sofort eingeschlagen. Für mich als Mutter war das eine schwere Entscheidung. Im Kern lief es auf die Frage hinaus: Nimmt mein Kind Schaden, wenn ich meine eigenen Wünsche verfolge? Nach langem Ringen mit mir selbst fiel der Entscheid dennoch positiv aus. Die grosse Flexibilität und Unterstützung der Eltern bei der Kinderbetreuung halfen allerdings sehr.

Ein paar Jahre später standen wir als Familie vor einer ähnlichen Frage, nur ging es jetzt um einen fünfjährigen Arbeitsaufenthalt bzw. eine Entsendung nach Tokyo. Zumindest würden diesmal die Kinder mitreisen, was mir die Entscheidung deutlich erleichterte. Tochter, und nun auch Sohn, waren noch nicht im schulpflichtigen Alter, insofern stand wenigstens kein Schulwechsel zur Debatte. Ein halbes Jahr später sassen wir im Flieger nach Japan.

Mir wurde auch immer mehr bewusst: Wenn mich im Wochenbett jemand gefragt hätte, ob ich mir USA, Tokio, ein Arbeitspensum von 100 – und manchmal mehr – Prozent vorstellen könne mit zwei Kindern, hätte ich nein gesagt. Bestimmt hätte ich damals mit dem Gedanken an meine vermeintlich verlorene Freiheit gehadert.

 

Ihr Drang nach Freiheit kollidiert mit meiner Anwesenheit …

Meine Kinder sind zu Teenagern herangewachsen. Vor eineinhalb Jahren machte ich mich selbständig. Ich arbeite nun vorwiegend von zuhause aus, und kann meinen Tagesablauf wieder weitgehend selbst bestimmen. Ich freue mich meine Kinder mehr zu sehen und zu erleben. Meine Kinder sehen das manchmal anders: Paradoxerweise kollidiert ihr aktueller eigener Drang nach Freiheit mit meiner Dauer-Anwesenheit…

Vor ein paar Tagen sassen mein Sohn und ich in der Nähe eines Spielplatzes. Wir assen Döner. Kinder lachten und weinten. Mütter rannten zu Hilfe, und standen schwatzend am Rande des Sandkastens. Plötzlich kam mir der Gedanke, dass diese Mütter viel mehr Zeit für ihre Kinder haben, als ich es früher jemals hatte. So fragte ich meinen Sohn: «Wäre es Dir lieber gewesen, wenn ich nicht meine Karriere verfolgt und weniger gearbeitet hätte?» Nach kurzem Zögern fragte er zurück: «Wärst Du dann so wie diese Mütter, und so wie heute, immer zuhause gewesen?» Ich nickte stumm. Er: «Nein, Mama, das wäre nicht zum Aushalten gewesen.»

Diese Antwort kann gleichzeitig Kompliment, alles richtig gemacht, als auch Klage sein, mich heute zu sehr zu kümmern. Wahrscheinlich etwas von Beidem. Ich unterliess es dem auf den Grund zu gehen, genoss stattdessen einfach nur den Augenblick: Mit meinem Sohn am Rande eines Spielplatzes Döner zu essen. Im Stillen aber dachte ich mir: Freiheit ist seine Kinder zu lieben, und das zu tun, was man selbst für richtig hält.

 

 

 

(Bild: StockSnap – pixabay)

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