Alles wird mehr – nur die Zeit nicht

Unsere Zeit ist geprägt von Tempowahn, allzeitiger Erreichbarkeit, dem unentwegten Checken des Smart-Phones und Starren auf Bildschirme. Deshalb sind Angebote zur Entschleunigung wie Wellness-Urlaube, Achtsamkeitstrainings und andere Entspannungsangebote hoch im Kurs. Es gibt einen Konsens, der sich durch alle Gesellschafts- und Altersschichten hindurchzieht: Zeit ist ein knappes Gut. Die meisten von Ihnen werden nicht einmal Zeit haben diesen Blog zu lesen – umso schöner, liebe Leser, dass Sie immer noch da sind!

Besonders als berufstätige Mutter ist man zwischen den Ansprüchen verschiedener Stakeholder hin- und her gerissen: Die beruflichen Verpflichtungen will man besonders gut verrichten, um keinesfalls den Anschein zu erwecken, dass der Job unter der Doppelbelastung leidet. Die Kinder wollen versorgt und behütet werden, emotional ist man ihnen sowieso besonders verpflichtet. Bleibt die Partnerschaft, in die man vielleicht mehr investieren möchte, jedoch nie die Zeit dazu findet. Nicht zuletzt bräuchte man Zeit für sich selbst, um sich entlasten und erholen zu können. Wie halten Sie es persönlich damit?

Wir laufen allem hinterher. Merken Sie überhaupt noch, wann Sie müde sind? Oder ist der Schlaf bloss eine weitere Pendenz in Ihrem Tagesablauf?

Das Wichtigste in Ihrem Leben

Um dem zu entkommen, nachfolgend ein paar Gedanken und eigene Erfahrungen in Sachen Zeitmanagement. Erstens: Machen Sie ein und für alle Male mit sich selbst aus, wer bzw. was das Wichtigste in Ihrem Leben ist.

Für mich sind es die Kinder. Ich habe zwar stets 100% und mehr gearbeitet, trotzdem ist immer klar, dass die Kinder an erster Stelle stehen. Das bedeutet nicht, dass ich alles fallen und liegen lasse, wenn die Kinder „rufen“. Sondern ich wäge jedes Mal auf’s Neue ab und entscheide, wem bzw. was ich den Vorrang gebe, wenn ich an mehreren Orten gleichzeitig gebraucht werde.

Ich war nicht bei jedem Elternabend dabei, doch als mein Sohn eine Bühnenaufführung hatte, auf welche er über ein halbes Jahr intensiv probte, verschob ich ein wichtiges Meeting, um dabei zu sein. Für Impfungen ging auch mal jemand anders mit den Kindern zum Arzt, doch bei Unfällen – oder wenn meinen Kindern ein schlimmes Missgeschick widerfuhr und sie mich in Tränen aufgelöst anriefen – musste ich nie zweimal nachdenken und eilte sofort herbei. Glücklicherweise hatte ich stets Chefs, die das verstanden.

Doch auch wer keine Kinder hat, sollte die Prioritäten in seinem Leben kennen: Geschwister, die eigenen Eltern, gute Freunde, usw. Sollten sie nicht eine wichtigere Rolle spielen als die Arbeit?

Eine kleine, aber sehr wirkungsvolle Übung hilft in dieser Hinsicht Klarheit zu kriegen. Stellen Sie sich vor Sie liegen auf Ihrem Sterbebett. Was werden Sie eher bedauern: Nicht mehr Zeit mit denjenigen Personen verbracht zu haben, die Ihnen am nächsten stehen? Oder hätten Sie lieber noch mehr Energie in Ihren Job gesteckt, um noch erfolgreicher und glücklicher zu werden?

Mit den eigenen Ressourcen haushalten

Ich habe es anfangs erwähnt, und im Grunde genommen wissen wir es sowieso: Die höchste Priorität in unserem Leben sollten wir eigentlich uns selbst geben. Die Realität zeigt allerdings, dass gerade Frauen dazu tendieren sich aufzuopfern, sich selbst permanent hinten an zu stellen, und damit Raubbau an ihren Ressourcen betreiben.

Wir sind uns nicht gewohnt liebevoll mit uns selbst umzugehen und für das eigene Wohlergehen zu sorgen. Stattdessen kümmern wir uns um alle Anderen. Wir zweifeln und verzweifeln manchmal an uns selbst. Wir vergleichen uns mit Anderen und vermeintlichen Idealen. Wir hinterfragen, ob unsere Qualifikationen im Beruf ausreichen. Wir versuchen mit Leichtigkeit Job und Kinder zu jonglieren im Glauben, dass Andere das spielend hinkriegen. Wir möchten noch besser und jünger aussehen, und rennen nach einem prallvollen 10-Stunden Tag – auch wenn wir schon mehr als erschöpft sind – noch ins Fitnessstudio, um für den nächsten Marathon zu trainieren. So verkommen selbst Freizeitaktivitäten zum zusätzlichen Agendapunkt. Erholung rückt in weite Ferne.

In Vorahnung, dass auch ich dazu tendiere mich dauernd zu überfordern, mahnte mich die Hebamme nach der Geburt meiner Tochter: «Erhol Dich gut und schau, dass Du ausreichend isst und Dich ausruhst. Denn wenn Du nicht fit und gesund bist, kannst Du auch nicht gut für Deine Tochter sorgen.»

Wie wahr! Dieses Prinzip gilt nicht nur für Mütter, sondern für alle Menschen: Wer körperlich und psychisch nicht fit ist, wird im Job keine Höchstleistungen erbringen. Ausreichend schlafen und essen sind Voraussetzungen, um dauerhaft gesund zu bleiben. Als Exempel kann jeder beliebige Spitzensportler heran gezogen werden. Eine gesunde Balance zwischen Arbeit, Freizeit und Sozialleben würde helfen Burnouts zu vermeiden, sagen Psychologen.

Doch das ist leichter gesagt als getan. Das Umdenken fängt in unserem Kopf an, und zwar nicht bei der Einplanung einer festen Sporteinheit in unserem eh schon vollgepackten Kalender, sondern beim Erspüren und Ernst nehmen der eigenen Bedürfnisse.

„Dringend“ muss auch mal warten

Bestimmt kennen Sie die Einteilung von Pendenzen in „wichtig“ und „dringend“. Diese geht auf eine Legende über Präsident Eisenhower zurück. Er hielt seine Mitarbeiter für unproduktiv, und gab ihnen deshalb diese Methodik vor, um Themen abzuarbeiten. Ob er damit erfolgreich war, überliefert die Legende nicht, doch die Unterscheidung in wichtig und dringend ist als Lehrstück geblieben und in der Eisenhower-Matrix (¹) verankert:

Dabei leuchtet jedem ein, dass Dinge, die gleichzeitig wichtig und dringend sind, zuerst erledigt werden müssen. Diesen Teil kriegen die meisten Menschen auch gut hin.

Schon schwieriger fällt es, Pendenzen, die weder wichtig noch dringend sind, sofort – und zwar ersatzlos – von unserer Arbeitsliste hinunter zu schmeissen. Zu oft wollen wir perfekt sein, koste es uns, was es wolle. Wir halten uns auch an unnütze Vorgaben und an solche, die Andere gesetzt haben ohne uns zu fragen. Etwas mehr Souveränität würde uns manchmal gut stehen.

Die wirkliche Krux liegt jedoch bei den beiden verbleibenden Quadranten, wobei nach der Eisenhower-Methodik wichtige Dinge den Vorrang erhalten sollten. In der Praxis geschieht oft das Umgekehrte. Wir sagen uns: «Jetzt erledige ich noch schnell B, C und D, und danach habe ich genügend Zeit, um mich um das wichtige A zu kümmern.»

Die Dinge entwickeln sich meist anders. Erstens nehmen B, C und D viel mehr Zeit in Anspruch als erwartet. Zweitens kommen in der Zwischenzeit die weiteren ebenso dringenden Angelegenheiten E und F hinzu. Währenddessen wir uns mit E und F abmühen, zerrinnt uns die Zeit zwischen den Fingern, und wird die wichtige Pendenz A selbst dringlich. Jetzt kann auch A nicht mehr länger aufgeschoben werden. Mit schon schlechtem Gefühl machen wir uns an dessen Erledigung. Denn wir realisieren, dass nicht mehr so viel Zeit und Musse bleibt, wie wir eigentlich bräuchten, um die Sache mit der gewünschten Sorgfalt anzugehen.

Das ist nicht nur ärgerlich und bedauerlich, sondern manchmal geradezu desaströs. Denn wichtige Dinge bezeichnen wir ja deshalb als „wichtig“, weil sie grundlegende strategische Entscheidungen beinhalten und damit wichtige Weichenstellungen für die Gestaltung unserer Zukunft sind.

Sein Leben von der Zukunft her denken

Dieses Muster zeigt sich nicht nur in unserem professionellen Umfeld. Vielleicht noch öfters geschieht genau das in unserem Privatleben, zwar unbemerkt, weil wir die wichtigen Fragen in unserem Leben selten mit strengen Deadlines versehen. Vor lauter Hetze und Dauerberieselung setzen wir uns nie hin und fragen: «Was ist mir wichtig? Wo will ich privat/beruflich in 5 bzw. 10 Jahren stehen? Was will ich erreicht haben? Wo und wie will ich leben?»

Stattdessen mühen wir uns täglich ab, ohne je reflektiert zu haben, ob wir überhaupt auf der richtigen Schiene unterwegs sind:

  • Eine Weiterbildungsmassnahme wäre vielleicht obsolet – oder umgekehrt viel wichtiger, als augenblicklich wahrgenommen -, wenn man endlich wüsste, was das langfristige Berufsziel ist.
  • Anstatt sich jeden Morgen über die Arbeit oder seinen Chef zu ärgern, wäre es sinnvoller sich mit seinen Visionen und Zielen zu beschäftigen und darauf basierend eine Entscheidung zu treffen, ob man auf der Stelle bleiben will (und sich deshalb endlich mit den weniger schönen Seiten des Jobs anfreundet), oder anfängt sich neu zu orientieren.
  • Ebenso ist klar, dass man sein Leben anders plant und gestaltet, würde man sich konsequent an seinen Werten ausrichten. Jemand, den es in die Welt hinaus zieht, wird anders entscheiden, wie Jemand für den die Ausübung zeitintensiver Hobbies und die Pflege sozialer Kontakte an erster Stelle stehen.

Mit Bezug auf die Eisenhower-Matrix lohnt es sich genügend Zeit in die Beantwortung wichtiger Lebensfragen zu stecken, um basierend darauf, sozusagen mit dem Blick zurück aus der eigenen Zukunft, seine Lebensinhalte zu gestalten.

Was machen Sie mit den restlichen Jahren auf Ihrem Massband?

Ich möchte Sie ermuntern sich diese Zeit zu nehmen, und Ihnen eine ganz einfache Übung ans Herz legen: Nehmen Sie ein Massband oder einen Meterstab. Überlegen Sie sich wie alt Sie werden wollen und markieren diesen Punkt auf dem Massband (z.B. Marke bei 85 cm, wenn Sie 85 Jahre alt werden wollen). Nun markieren Sie Ihr jetziges Lebensalter (z.B. bei 35 cm, wenn Sie heute 35 Jahre alt sind). Die Distanz zwischen beiden Punkten stellt Ihre restliche Lebensdauer dar.

Gucken Sie sich diese Strecke genau an. Wie lang ist sie noch? Was passt da noch rein – was muss da unbedingt noch rein?

Nun unterteilen Sie diese Strecke weiter, z.B. in 10-Jahres-Schritte, und vergeben diesen Abschnitten sprechende Titel (Bsp. „Wanderjahre“, „Auf dem Weg zum Zenit“, „Sesshaft werden“, „Früchte ernten“). Wie, mit wem und wo wollen Sie diese Zeitspannen Ihres Lebens verbringen? Überlegen und planen Sie, was Sie heute tun müssen, damit Ihre Visionen Wirklichkeit werden.

Die Übung macht auch deutlich, dass die schon abgelaufene Strecke auf Ihrem Massband endgültig vorbei ist. Nur die Zukunft kann gestaltet werden.

Trotzdem lohnt es, sich die vergangene Strecke einmal anzuschauen. Wie viel dieser Zeit haben Sie mit Dingen verbracht, die aus heutiger Sicht nicht (mehr) wichtig sind? Wie viel Energie stecken Sie immer noch in Dinge, die Sie Ihren Visionen nicht näher bringen?

Auch interessant:

  • Rechnen Sie einmal nach, wie viel der abgelaufenen Zeit Sie in der analogen und wie viel Sie in der virtuellen Welt verbracht haben.
  • Oder wie viele Jahre sassen Sie in Büro- und Sitzungsräumen, die Sie lieber wo anders verbracht hätten?
  • Wie oft waren Sie mit Leuten zusammen, an denen Ihnen nichts liegt, oder die nicht gut für Sie sind?

Wenn Sie nichts tun, ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass es so weiter gehen wird. Und wie wirkt sich das auf Ihre Ziele aus? Welche Optionen haben Sie, wie und wann wollen Sie Ihre Weichen neu stellen?

Abschliessen möchte ich mit einem Zitat von Ernst Reinhardt, einem Schweizer Publizisten, der einmal gesagt hat: «Nicht die Zeit vergeht, nur unsere Zeit.» Das ist sicher, vielleicht das Einzige, was sicher ist.

Schauen wir zu, dass wir die restliche Strecke auf unserem Massband bewusst und intensiv verbringen. Dazu gehört manchmal gerade auch das ganz bewusste und intensive Nichtstun.

Referenz und zum Vertiefen:

(¹) Selbst Management Blog: Mit der Eisenhower-Matrix einfach und messerscharf Prioritäten setzen

Video/YouTube: Die erschöpfte Gesellschaft (Doku)

Sehr ausführliche und hilfreiche Selbsttests und Arbeitsblätter zu den Themen #Zeitmanagement #Zeitplanung #Arbeitsmanagement #Störfaktoren #Prioritäten setzen #Lebenswunschbild persönliche #Ziele #Karriereplanung #Zeitdiebe finden Sie hier

(Bild: Pphoto by Viktor Hanacek – picjumbo)

2 Kommentare

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Anja Moeckliantworten
28. Januar 2019 at 14:05

Liebe Claudia, Du sprichst mir aus der Seele!

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Claudia Göldiantworten
3. Februar 2019 at 12:24
– In reply to: Anja Moeckli

Liebe Anja, danke für Deinen Kommentar. Es ist immer schön Feedback zu erhalten!

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